In einem Portrat wird die Feministin Antonia Avalo Torres und ihr Projekt „Las Mujeres Supervivientes“ vorgestellt. Die langjahrige Aktivistin gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist eine von drei Angeklagten, die dem Vorwurf der Verletzung religioser Gefühle ausgesetzt sind. Im Jahr 2014 beteiligten sie sich an der Aktion „El Cono Insumiso“ um für das Recht auf Abtreibung zu kämpfen.

Artikel: Martina H., Hamburg, 8. März 2018

„Unser Vergehen?“, fragt Antonia. „Wir sind arm. Und wir sind Frauen.“ Sie lacht, legt mir einen Arm um die Schultern und seufzt. Dann wischt sie sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln, lehnt sich wieder zurück und atmet tief ein. „Dass sie uns ausgewählt haben, ist kein Zufall. Drei Generationen. Eine Migrantin, eine Anarchistin, eine junge Studentin. Es ist die Rache der patriarchalen Macht an dieser diversen, prekären und feministischen Rebellion“.

Antonia ist aufgewachsen in Mexiko, hat dort studiert, geträumt und gekämpft. Nun lebt sie seit 11 Jahren in Sevilla. Es war der Versuch, gemeinsam mit ihrer damals 10-jährigen Tochter, den gewaltvollen Übergriffen ihres damaligen Partners zu entgehen und ein neues Leben zu beginnen. Scham, Angst und Unsicherheit hinter sich zu lassen. Der soziale Abstieg war unvermeidlich. Nachdem sie in Mexiko bereits an Universitäten unterrichtete (Geschichte und Pädagogik), verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt in Sevilla zunächst als Putzkraft und lebte in besetzten Häusern. Später ergab sich die Möglichkeit, beratend in verschiedenen NGOs zum Thema sexualisierte Gewalt an Frauen tätig zu werden.
In Mexiko war es zunächst ein universitär geprägter Feminismus, der 1980er Jahre, dem sie sich näherte. Es ging um „freie Liebe“ und experimentelle Sexualität. Sexuelle Gewalt wurde wenig sichtbar gemacht- zu groß war der Wunsch nach diesem Gefühl der Freiheit. Später geriet die Universität in den Hintergrund. Die Orientierung an Kuba, die Unterstützung der Revolution in Nicaragua und marxistisch-leninistische Bewegungen, die die Arbeitskämpfe in Fabriken und Landwirtschaft in den Vordergrund stellten, verdrängten feministische Initiativen. „Wir sind fast alle in diese Falle getappt.“, sagt Antonia. Sie meint damit das Versprechen, nach der Revolution wäre der feministische Kampf ohnehin obsolet. Der Kampf um sexuelle Selbstbestimmung wurde zweitrangig und sie fand sich in der Organisation von Protesten wieder, in denen es um den Traum einer kollektiven, lateinamerikanischen Freiheit ging. „Die Bedürfnisse der Campesinxs erschienen uns einfach dringender.“
Mit ihrem ersten Kind zog sie aufs Land, lebte ein „Hippie-Leben“, wie sie sagt. Die Universität interessierte sie vorerst nicht mehr, reiste auch mal nach Europa, der Kalte Krieg war ein großes Thema. „Der Fall der Berliner Mauer versetzte uns allen, die wir so sehr an den Sozialismus geglaubt hatten, einen heftigen Schlag.“ Das Ausmaß an Repression und patriarchaler Unterdrückung in den vormals sowjetisch besetzten Ländern sorgte für Enttäuschung, Traurigkeit und Rückzug. Auch bei ihr.

 

Antonia ist jetzt 55 Jahre alt und hat ihren Platz in einem feministisch geprägten Umfeld in Sevilla, der Hauptstadt Andalusiens, gefunden. Nach Mexiko zurückzukehren ist mittlerweile keine Option mehr. Ihre Tochter studiert in Brüssel. Die ansteigende Gewalt an Frauen in Mexiko macht Antonia große Angst. Die sogenannten „Feminizide“(i) seien ausgesprochen komplexe Rituale sozialen Terrors, der mittlerweile die gesamte Bevölkerung beträfe. Sie bezeichnet die Morde als Kriegswaffe, als „einen tödlichen, allgegenwärtigen Machismus“, der in Verbindung mit nicht funktionierender Justiz, Drogenkrieg und Korruption für soziales Chaos sorge. Frausein in Mexiko sei bereits als solches ein Bedrohungsszenario. So gefährlicher die Lage, so heftiger seien aber auch die Reaktionen aktiver feministischer Kämpferinnen, beispielsweise unter den Campesinxs. Antonia sieht sich als geprägt von diesem Kämpferinnentum und bewundert dessen Protagonistinnen. Sie ließen nicht zu, dass andere für sie sprächen. Und so hält sie es auch für sich in ihrem täglichen, politischen Kampf gegen Patriarchat und Mackertum in Sevilla.

Auch in Spanien steigt die Zahl der Opfer sexualisierter Gewalt an. Dies betrifft insbesondere die Situation an öffentlichen Schulen. Unter der sozialistisch geprägten Regierung Zapateros hatte es noch ein gut entwickeltes Bildungsprogramm in diesem Kontext gegeben, das jedoch nach Machtübernahme der rechts-konservativen PP (Partido Popular) wieder eingedampft wurde. Mittlerweile berichten 60% der Mädchen (Teenager) und jungen Frauen von selbst erlebten Fällen sexualisierter Übergriffe, Gewalt und Missbrauch. In den „Barrios“, den Vierteln außerhalb des Stadtzentrums, sei Gewalt gegen Frauen für viele junge Mädchen Normalität und gar nicht als solche erkennbar. Gleichzeitig erstarke in den vergangenen Jahren eine aktivistisch ausgerichtete, mutige, feministische Bewegung, die jedoch zu einem großen Teil von den Universitäten ausgehe. Im Zuge der Platzbesetzungen des 15M(ii) und den divers geprägten Kämpfen um das Abtreibungsgesetz bilde sich allmählich ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Organisierung, Schutz und Verteidigung gegenüber patriarchaler Unterdrückung und Gewalt. Die jüngste Welle von Vergewaltigungen im Kultviertel „Alameda“ in Sevilla habe für viel Empörung gesorgt und aktive Gegenwehr erzeugt. Für Antonia ist dieser neue Grad an sexualisierter Aggression gegenüber Frauen an einem so öffentlichen Ort alarmierend. Ein „zerstörerischer Racheakt“ an einem erstarkenden und körperlicherem Feminismus der vergangenen Jahre und der Annäherung ideologisch unterschiedlicher feministischer Projekte und Gruppen.

In Sevilla hatte sie es als Feministin anfangs nicht besonders leicht. Der öffentliche Raum sei sehr männlich geprägt und biete wenig geschützte, sensiblere Räume des Zuhörens und Verantwortung übernehmens füreinander. Antonia fühlt sich auch nach Jahren noch gestört durch das „Gebrüll“ in den Bars, den lautstarken Unterhaltungen, bei denen alle durcheinander reden würden. Auch eine gewisse Unverbindlichkeit stimme sie oft traurig. Die Menschen in Andalusien, glaubt sie, hätten besonders unter der franquistischen Diktatur gelitten. Notgedrungen hätte sich eine gewisse, überlebensnotwendige „Falschheit“ eingeschlichen. Unter dem Sozialismus erlebten sie dann massiven Subventionismus und Protektionismus und heute ist es wieder einer der ärmsten Regionen Europas. Am Ende sieht sie die andalusische Gesellschaft in einer nahezu kindlichen Position gegenüber dem Staat- geprägt von Repressions- und Ausbeutungserfahrungen und einer kultivierten Gewöhnung an Unmündigkeit. Die Rolle feministischer Kämpfe in einem solchen Kontext sei daher besonders interessant. Denn Feminismus ist für sie in allererster Linie der Kampf um Autonomie. Dazu gehöre auch der Kampf, einer gewissen selbstgemachten Unterwürfigkeit im Angesicht eigener prekärer Positionen zu widerstehen. Doch das gelinge nur, wenn ein solidarisches Umfeld geschaffen würde, das Neid und Konkurrenz ausschließe. „Auch wenn wir nicht immer gleich denken, dürfen wir uns nicht spalten lassen. Meine Solidarität mit anderen Frauen und ist notwendigerweise bedingungslos.“

Ihr ideologischer Standpunkt bewegt sich zwischen dekolonisierenden Ansätzen und differenzfeministischen Standpunkten. Dies begründet sie unter anderem mit ihrer persönlichen Migrationserfahrung und dem erlebten Eurozentrismus sowie mit dem Kontext ihrer politischen und sozialen Arbeit, in der Fürsorge und Selbstwert im Mittelpunkt stünden. In Spanien, wie in vielen anderen europäischen Ländern, seien migrantische und nicht-weiße Frauen im feministischen Diskurs kaum beachtet worden. Sie habe das am eigenen Leib erfahren, während sie die Häuser der Spanierinnen putzte, die sich zu diesem Zeitpunkt mit ihrer beruflichen Laufbahn beschäftigten. In der Regierungszeit Zapateros hätten diese Frauen ihre Rechte zu einem Teil auf dem Rücken migrantischer, weiblicher Arbeit ausgetragen, ohne diese sichtbar gemacht zu haben. Das macht sie wütend. Und so prägen insbesondere schwarze, us-amerikanische und lateinamerikanische Autorinnen ihren Feminismus. Es seien Theoretikerinnen mit einem großen Bezug zur Straße und dem Leben der marginalisierten.

Antonia sieht sich nicht als Spanierin. Und das gibt ihr viel Sicherheit und Identität. Es positioniert sie. Sie sieht sich als Latina, als Migrantin, als Indígena. Ihr Weltbild sei universalistisch. Andalusischer Patriotismus geht ihr auf die Nerven.

Heute ist Antonia eine Person, die das Leben feiert und bejaht. Sie fällt auf, schmückt sich, schminkt sich ausdrucksstark und farbenprächtig. Und so erlebt sie auch ihr Umfeld. Sie pflegt und schätzt alles Lebendige und Sensible um sich herum- sei es die eigene Nahrung oder persönliche Beziehungen. Sie hält sich bewusst fern von Machos und bemüht sich um einen diskriminierungs- und machtsensiblen Umgang in ihrem sozialen Umfeld. Der Feminismus, sagt sie, sei ihr in Fleisch und Blut übergegangen, sie lebe ihn. Diese Einstellung, diese „Brille“ mit der sie die innere und äußere Welt betrachte, schlage sich in ihrem Alltag nieder. Von den Medien, die sie konsumiere, bis hin zu ihrem Bild von sich selber. Das sei gar nichts analytisches. Das passiere einfach mit der Zeit. Ihr Körper als Stätte der Selbstliebe und autonomer Expressivität ist für sie einer der wichtigsten Orte feministischen Kampfes. Die Rückeroberung und Aneignung ästhetischer und lokal verankerter Symboliken – kitschig und karnevalesk – gehört für sie zu diesem Kampf, in dem die Frau sich selber in den Mittelpunkt des Geschehens und der eigenen Aufmerksamkeit stellt. Unter dieser Prämisse verstand sie auch die riesengroße, bunte Vulva, die sie in Anlehnung an den lokalen Kult der Prozessionen der Heiligen Jungfrau Maria (Semana Santa) an jenem ersten Mai mit ihren Freund*innen durch die Straßen von Sevilla trug. Und eben nicht in erster Linie als Fundamentalkritik an der katholischen Kirche, wie es in den späteren Prozessen und auch von vielen beteiligten Aktivist*innen ausgedrückt wird.

 

Heldinnen: Las Mujeres Supervivientes

Vor fünf Jahren gründete Antonia das Projekt „Mujeres Supervivientes de la Violencia del Genero“, um eine selbstorganisierte und kontinuierliche Alternative zu den Beratungsangeboten für Betroffene sexualisierter Gewalt der Stadt zu etablieren. Sie ist Expertin, sowohl auf theoretischer Ebene als auch aus persönlicher Erfahrung heraus. Der Vater ihres zweiten Kindes war aggressiv und misshandelte sie – jahrelang. Sie habe lange gebraucht, um Systematik und Strukturalität ihrer eigenen Situation zu erkennen. Lange schob sie die Probleme auf den schlechten Charakter ihres Partners, vergab ihm immer wieder. Zeitgleich schrieb sie an der Universität über die Unsichtbarmachung von Frauen in der Geschichtsschreibung. Die Erkenntnis, sich selber in einem Kreislauf machistischer Gewaltanwendung zu befinden, erzeugte bei ihr nicht nur Verzweiflung sondern auch große Scham- hielt sie sich doch für eine kluge Feministin. „Diese Erfahrung ist ein Trauma, es ist die Hölle. Wer sie überlebt, ist eine Heldin, eine Superviviente(iii).

Sexualisierte Gewalt sei ein soziales Problem. Die betroffenen Frauen gerieten in eine Abhängigkeit von Männern, die sie idealisierten und würden vergessen, dass sie auch ganz wunderbar alleine leben und glücklich sein könnten. Leonore Walker untersuchte diesen Gewaltszyklus, in dem Frauen sich befänden, die in einer von sexualisierter Gewalt geprägten Beziehung leben. Die ständige Bedrohung von Leib und Leben ähnele dabei einer Kriegserfahrung. Missbrauch, Vergebung, Verharmlosung, Liebesentzug und die Verinnerlichung romantischer Vorstellungen und Weltbilder sorgten für einen Zustand, in dem die Frauen nicht in der Lage seien zu erkennen, was sie wirklich wollen. „Ihre Hilfsgesuche stecken in ihren Körpern. In ihrem unsicheren Verhalten und in Klagen wie: Ich liebe ihn, aber er macht mir auch Angst. Ich möchte ihn verlassen, kann aber nicht“, weiß Antonia.

An diesem Punkt benötigen die Betroffenen die Etablierung eines sicheren und schützenden persönlichen Umfelds, das auf ihre Situation vorbereitet ist und sie nicht für ihr wankelmütiges Verhalten verurteilt. Im Projekt „Mujeres Supervivientes“ wird deswegen ein Modell angewendet, das auf Zuneigung sowie sanfter sozialer und emotionaler wie auch körperlicher Annäherung beruhe. Daraus ergebe sich schließlich das, was Antonia als „Therapeutischen Pakt“ bezeichnet. Es sei eine Art Komplizenschaft, eine sichere Allianz. Auf dieser Grundlage bestünde die Möglichkeit, die ökonomische und familiäre Situation der Betroffenen genauer zu analysieren und aktiv zu intervenieren. Oft hinderten auch die Verantwortung für Kinder sowie die ökonomische und soziale Abhängigkeit von einem Partner an einem Ausbruch aus dem Gewaltzyklus.

Der Comedor – gemeinsam Alltag verbringen und für das eigene Wohl sorgen

Das Projekt „Mujeres Supervivientes“ besteht an erster Stelle aus einem Comedor, einer Art selbstorganisierter Kantine, in der gemeinsam gekocht, gegessen, Zeit verbracht wird. An diesem Ort bestünde eine Athmosphäre der Wertschätzung, die die Betroffene animieren soll, sich selber wieder zu respektieren und heilsame, persönliche Bindungen aufzubauen. Betroffene wie Nicht- Betroffene organisieren füreinander auch Freizeitbeschäftigungen und Hobbies. Das Team um Antonia begleitet in bürokratischen Angelegenheiten oder auch zum Besuch bei einer Psychologin oder einer Anwältin, die das Projekt auf Spendenbasis unterstützen.

Der Comedor ist öffentlich. Es ist ein Ort des sozialen Miteinanders auf Grundlage praktischer Fürsorge für andere und sich selbst. Für Antonia steckt darin viel Politik, „eine Politik des Handelns, Empfindens und Erlebens. Nicht eine Politik ideologischer Parolen und Kolonialisierungen.“ Es kommen sowohl Betroffene als auch Nicht-Betroffene sexualisierter Gewalterfahrungen. Doch niemand muss sich outen. Wer den Comedor betritt, ist eine unter vielen und kann ebenso gut über das Wetter plaudern wie die eigene Vergangenheit mit jemandem teilen, während sie gerade Zwiebeln schnippelt. Der Comedor ist außerdem eine praktische Antwort auf die prekären Lebensverhältnisse. Es werden Ressourcen geteilt und es bilden sich Netzwerke, die bisweilen auch zu Einkommenstätigkeiten führen können.

Viele Frauen, denen es mit Unterstützung der Mujeres Supervivientes gelingt, dem eigenen Gewaltkreislauf zu entfliehen, verschwinden auch vom Comedor. Für viele ist er im Nachhinein verknüpft mit einer Vergangenheit, mit der sie abschließen wollen. Doch es sind eben diese Frauen, die das Projekt später finanziell unterstützen. Bisher sei keine einfach so verschwunden.

Selbsthilfe als Alternative gegenüber öffentlichen Einrichtungen

Antonia glaubt durchaus, dass die Behörden Mittel und Wege hätten, von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen zu unterstützen. Das Phänomen sei jedoch so komplex, dass viele davor zurückschreckten, sich auf offiziellem Wege zu melden. Es fehle einfach das Vertrauen. Außerdem fehle es oft an Zeit, Nähe und die Wartezeiten seien unerträglich lang. Obwohl bereits andere soziale Träger aus der Umgebung, Klientinnen direkt zu den Mujeres Supervivientes schickten, sei die öffentliche Verwaltung dem Projekt gegenüber weiterhin skeptisch. Antonia glaubt, das liege an der politisch-aktivistischen Ausrichtung und der Macht, die sie mit Zeit und Erfahrung auch auf juristischer Ebene allmählich erlangen würden. Doch vertreiben lassen sie sich längst nicht mehr, dafür sei das Standing im Viertel viel zu groß.

 

Verankerung in der Nachbarschaft und das Thema „Männer“

Dass der Comedor bisher niemals Ziel sexistischer Angriffe war, führt Antonia auch auf ihre Verankerung im „Pumarejo“ zurück. Einem erkämpften sozialen, selbstorganisierten Zentrum an einem der letzten nicht-durchgentrifizierten Plätze am Rande des Stadtzentrums. Das Haus schützt und positioniert den Comedor mit seiner Symbolik und Geschichte. Der „Pumarejo“ steht für den Kampf um Würde und die Infragestellung von Macht, Kapitalismus und Abschiebung. Doch ihren festen Platz mussten sie sich auch hier gegen anfängliche Ressentiments erkämpfen: „Warum müssen wir hier über Feminismus sprechen? In unseren Wänden gibt es doch gar keinen Machismus! Hier sind wir doch alle gleich…!“ Etc…

Mittlerweile sind sie kaum noch wegzudenken aus dem Kollektiv des Hauses. Sie trugen bei zu Konfliktlösungen, machten Verhältnisse sichtbar und sorgten für eine weitere Verankerung des Ortes im kollektivistischen Stadtgefüge. Es sei die Ernsthaftigkeit des Projektes, die überzeuge. Die alltägliche und verlässliche Präsenz und ihr Mut mache sie zum radikalsten, feministischen Projekt der Stadt: „Ich bin Lateinamerikanerin. Ich bin Kämpferin, Superviviente. Natürlich will ich die Revolution“, sagt sie in aller Ruhe. „Und dafür stehe ich jeden Morgen um 7:00 auf. Das ist der Unterschied.“ Von der Prekarität lassen sie sich nicht unterkriegen: „Ob gerade Geld da ist oder nicht, wir sind da, das Essen ist da. Unsere kollektive Intelligenz gegen das fehlende ökonomische Kapital. Daraus schöpfe ich meinen Mut.“

Zu Beginn war der Comedor ein nicht- gemischter Ort und es gibt auch weiterhin exklusive Zusammenhänge.

Mit der Zeit entschieden sie sich, den Comedor für Männer zu öffnen. Der Wunsch dahinter ist es, einen sensiblen Umgang miteinander zu finden. Antonia spricht mit viel Zärtlichkeit von den Männern, die sich regelmäßig am Comedor beteiligen. „Crema“, seien sie, hätten sich ganz wunderbar integriert. „Es sei allen klar, dass dies ein frauengeführter Ort bleibe.“ Auch die Männer seien begeistert und fühlten sich sehr wohl. Das ging sogar mal soweit, dass Antonia und ihre Crew sich entschieden, einen Mann, der mit Bipolarität lebt, in den engeren Fokus ihrer beratenden Tätigkeit aufzunehmen. Es waren die alltägliche Struktur, die hohe Sensibilität für übergriffiges Verhalten, die Verantwortung füreinander und die klaren Grenzen, die ihm gut taten.

 

Vor der Tür

Der Eingang zum Comedor liegt direkt am Platz „Pumarejo“. Hier treffen sich viele Wohnungslose und Menschen, die einen Großteil ihres Lebens auf der Straße verbringen. Manchmal sei es laut, es gäbe Streit und es werde viel Alkohol konsumiert. Doch das bleibe unter ihnen. Im Comedor hätten sie sich nie gestört gefühlt. Im Gegenteil. Antonia genieße die Präsenz dieser Personen. Der Ausgestoßenen. Für sie sind es die sensibelsten Teile der Gesellschaft, sie verdienten all ihren Respekt. „Für mich sind diese Menschen Poesie; die verrücktesten, die freiesten auf irgendeine Weise.“ Antonia schätzt an dieser Gruppe Nachbar*innen, die sich durch Drogen und Lebensstil in Gänze gegen das entschieden hätten, was als „normales Leben“ gelte, als nicht politisch vereinnahmt. „Ich erkenne mich selber in ihren Augen“, sagt sie. Doch Zugang zum Comedor könne sie ihnen nicht erlauben. Die chaotische Dynamik würde die Harmonie und Sicherheit stören. Außerhalb des Hauses verbringen sie aber gerne Zeit miteinander. Um die Ecke gäbe es eine Essensausgabe der Kirche. „Die Nonnen dort arbeiten aus Mitleid. Wir nicht. Für uns sind sie und wir politische Subjekte. Wir haben viel gemeinsam.“

Mut, Solidarität und Repression

Antonia hält die Mujeres Supervivientes für ein Innovatives Projekt der politischen Frauensozialarbeit- und es spricht sich herum. Sie wird mittlerweile weltweit eingeladen zu Vortragsreisen. Regelmäßig denunziert sie Richter, Gesetze, führt Rechtsstreits gegen übergriffige Ehemänner und Väter. Sie ist eine öffentliche Person. Im Kampf gegen die Novelle des Abtreibungsgesetzes in Spanien im Jahr 2014(iv) kam es zu einer breiten Solidarisierung zwischen feministischen Gruppen und Netzwerken. Für Antonia sind die radikalen Feministinnen der „Setas Feministas“, der „Revo“, geliebte Schwestern. Von Parteien hingegen hält sie sich bewusst fern. 2014 erarbeiten sie gemeinsam zahlreiche Strategien und Aktionen aus. Eine davon war der „Cono Insumiso“. Die Idee bestand in einem Aufgreifen bestimmter lokaler Ästhetiken; maskiertes Büßertum, Prozessionen, den Kitsch der bunten Frühlingsfeste, die politisch-humoristische Karnevalskultur Andalusiens. Sie wollten sich lokal-kulturelle Symboliken aneignen und mit ihren Themen besetzen. So trugen nicht nur in Sevilla, sondern in zahlreichen anderen Städten Spaniens, Feminist*innen eine übermenschengroße, farbenfrohe Vulva auf ihren Schultern durch die Straßen. In Anlehnung an den Anbetungskult der „Heiligen Jungfrau Maria“, huldigten sie ihrem „Sagrado Cono Insumiso“ – ihrer „heiligen, widerständigen Fotze“.

Foto vía Cofradía del Santísimo
Coño Insumiso de todos los Orgasmos.

Frauen, die sich die Vulva als vollständig eigenes Symbol zuruükerobern, laut sagen: „Das ist meins!“ und dabei womöglich noch religiöse Institutionen infrage stellen in einer Stadt, in der die Macht katholischer Bruderschaften weit in Politik, Wirtschaft und städtischen Alltag reicht. „Das war war einfach zu brutal für die“, stellt Antonia nüchtern fest. Was von manchen als primitive, nicht zeitgemäße Aktion aufgefasst worden wäre, sei radikaler und mutiger gewesen als die Aktivistinnen selber geglaubt hätten.

„Ich habe immer damit gerechnet, einmal Repressionen ausgesetzt zu sein. Besonders in Mexiko. Aber für diese Aktion? Das hätte ich nicht geglaubt.“

Eine katholische Anwältevereinigung aus der reichen, als besonders konservativ geltenden nordspanischen Stadt Valladolid, zeigte drei Frauen an, die an den politischen Prozessionen teilgenommen hatten. Wegen Blasphemie (Verletzung religiöser Gefühle) und Aufruf zu Hass und Gewalt. Die Auswahl der Angeklagten sei nicht zufällig- da sind sich alle sicher. „Drei Generationen. Darunter eine Immigrantin, eine Anarchistin, eine Studentin. Zwei Mütter. Alle drei widerständig und öffentlich. Alle drei prekär.“ Sie glauben an einen Racheakt und organisieren und solidarisieren sich nun nur noch mehr. Der Fall zeigt die Macht der katholischen Kirche, ein Ungleichgewicht zwischen Norden und Süden in Spanien und die immer härtere repressive Linie der Rajoy-Regierung(v) gegenüber Systemkritikern.

Nachdem die Anklage in erster Instanz abgewiesen wurde, gingen die Anwälte vor einem sevillanischen Gericht in Berufung. Sie fordern insgesamt für alle drei einjährige Geldstrafen sowie Gefängnisaufenthalte. Der erneuten Anklage wurde im März 2017 stattgegeben und jeder Einzelnen obliegt zudem eine Kaution in Höhe von jeweils 3600 Euro. Die Verhandlung ist für den 03.Oktober 2019 angekündigt worden. Eine unzumutbare zweijährige Verlängerung der „Pena de Banquillo“, der Strafe des „Sitzens auf der Anklagebank“ um weitere zwei Jahre.

Antonia und ihre Companerxs haben nicht vor, das Geld zu zahlen. „Es wäre ein Schuldeingeständnis. Ich bin stolz auf unsere Aktion und werde genau diesen Weg des Protests weitergehen. Wir lassen uns nicht spalten.“, sagt Antonia. Die Unterstützer*innen-Crew der drei „Locas del Cono“ kommt mittlerweile regelmäßig zusammen und plant weitere Protestaktionen. Es geht ihnen sowohl um Öffentlichkeit, als auch um finanzielle und juristische Unterstützung.

08. März: Streik aller Frauen

Zum 08. März haben Antonia und ihre Mitstreiter*innen zum Generalstreik der Frauen* aufgerufen. Die Erwartungen sind hoch. Es habe eine ganz neue Welle der öffentlichen Aufmerksamkeit für feministische Themen wie Lohnangleichung und sexualisierter Gewalt gegeben.

„Wir haben bereits jetzt gewonnen!“,schreibt Antonia mir am 08.März um 07:00 morgens im Messenger.

 

Für Prozess- und Protestkunden der Aktivist*innen vom Coño Insumiso gibt es ein Spendenkonto:

ES65 1491 0001 27300009 7188

conioinsumisosevilla@gmail.com

 

Zur Finanzierung ihrer Aktivitäten haben die Aktivistinnen von Mujeres Supervivientes den Vertrieb eines ökologischen Weines aufgenommen. Bei Interesse einfach vorbeischauen auf: www.mujeressupervivientes.org

Kollektiv: Amenaza Feminista Lolaila, Sevilla 2014, Demo gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes (Gallardón) Foto: Paco Puentes (elPaís)

(i) Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. Laut Angaben des Instituto Nacional de Estádistica y Geografía (INEGI) wurden (in Mexiko) zwischen 2000 und 2009 12.636 Frauen umgebracht (https://www.boell.de/de/navigation/lateinamerika-feminizide-mexiko-12681.html)

(ii) Am 15. Mai 2011 begannen sich in ganz Spanien Soziale Proteste durch Platzbesetzungen zu artikulieren, bei denen Basisdemokratie gefordert wurde. Es entwickelten sich zahlreiche neue politische Netzwerke und Gruppen.

(iii) Mit dem Begriff „Superviviente“ bezieht Antonia sich auf die Autorin Leonore Walker, die Ende der 1970er Jahre über den Kreislauf patriarchaler, sexualisierter Gewalt schrieb.

(iv) 2014 wurde durch den Justizminister Alberto Ruiz-Gallardón (PP) eine Gesetzesnovelle zur Verschärfung des Abtreibungsgesetzes durchgedrückt. Schwangerschaftsabbrüche sind danach nur noch nach Vergewaltigung und Gefährdung der Mutter zugelassen.

(v) Siehe zuletzt die Inhaftierung mehrerer Rapper, die sich kritisch gegenüber der spanischen Monarchie äußerten (Valtònyc). Aktuell sind spanische Medien beherrscht vom Thema Gleichheit vor dem Gesetz und Korruption.

Dieser Artikel darf und soll gerne verbreitet und zitiert werden. Über Information darüber freut sich die Autorin: martina.helmke@posteo.de Veränderungen nur in Absprache!

 

Nachtrag:

Antonia und Rocio (Mikro), die zweite der drei Angeklagten, am 08. März 2018 in Sevilla: Sie behielten Recht. Laut Stadtverwaltung sind 120.000 Personen dem Protestaufruf „Streik“ gefolgt.

Dieser Artikel ist der erste Teil einer Serie über die 3 Protagonistinnen der Bewegung „El Cono Insumiso“. Die Serie will die unterschiedlichen inhaltlichen sowie gesellschaftlichen Positionen der von den Repressalien betroffenen Aktivistinnen darstellen sowie einen Einblick in feministische Kämpfe in Südwest-Europa geben.