Vehement und solidarisch gegen Antifeminismus, Rassismus und Nationalismus

Bereits seit einigen Monaten lies sich Dienstags am frühen Abend am Marktplatz in der Bremer Innenstadt ein merkwürdiges Spektakel
beobachten. Viele Antifaschist*innen standen auf dem Markplatz herum –
mal mit bunten Schirmen, mal ohne. Der Anlass für die antifaschistischen
und queerfeministischen Proteste war da schon schwerer auszumachen,
waren es doch nur eine Handvoll Menschen, die sich dort unter dem Motto
„Kandel ist überall“ für einen sogenannten Frauenmarsch versammelt
hatten.

Über wen gesprochen wird…

Aber was hat es eigentlich mit diesen ominösen Frauenmärschen oder auch
„Kandel ist überall“-Demos auf sich, die bereits in Berlin, Wittenberg,
Wien, Delmenhorst und anderen Städten stattgefunden haben? Ihr Ziel ist
es angeblich, gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt ein Zeichen zu
setzen. Zu sehen sind Schilder wie „Frauen sind kein Freiwild“ und
gelegentlich auch Bilder von Opfern widerlichster sexualisierter Gewalt
wie Vergewaltigungen, z.B. von Maria aus Freiburg, Mia aus Kandel und
Mireille aus Flensburg. Dominiert wird das Bild aber von anderen
Schildern. Auf ihnen steht z.B. „Schließt die Grenzen“ oder „Fremd im
eigenen Land“. Haben sich einige mit ihren Plakaten auf die falsche Demo
verirrt? Wo ist der Zusammenhang? Von der Initiatorin des Bremer
Frauenmarsches Sybill Constance de Buer wird dieser wie folgt
beschrieben: Durch die Aufnahme von Geflüchteten seien jede Menge Mörder
und Vergewaltiger ins Land gelassen worden, was zu einer Zunahme
sexualisierter Gewalt geführt habe. Daher setzen sie sich auch für den
„Schutz der Frauen und Mädchen gegen die Gewalt von Muslime[n] und
afrikanische[n] Flüchtlinge[n] ein“, wie man auf ihrem Twitter-Account
nachlesen kann.

… und über wen nicht!

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Fälle, die nicht in das
rassistische Weltbild passen, ignoriert werden. Was ist mit Mohamed, dem
Vierjährigen, der mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet ist und
im Oktober 2015 am Lageso in Berlin verschwand? Er wurde entführt,
missbraucht und ermordet – von dem weißen, mehrheitsdeutschen Täter
Silvio S. Und was ist mit Keira, die zu Hause erstochen aufgefunden
wurde? Als noch unklar war, wer für die Tat verantwortlich wurde,
postete Lutz Bachmann das Bild eines dunkelhäutigen fünfzehnjährigen
Jungen inklusive rassistischer Umschreibungen, den er als Täter
ausgemacht hatte. Das Bild wurde in sozialen Netzwerken geteilt, die
Kommentarspalten waren schon bald durchsetzt mit allerlei
Vernichtungsphantasien – bis klar wurde, dass Keira von einem Deutschen
ohne jeden Migrationshintergrund ermordet wurde. Waren von Anteilnahme
und Trauer inmitten der allgemeinen Hetze bereits vorher wenig spürbar –
nun gab es nur noch Schweigen. Und was ist mit all denjenigen, die Opfer
sexualisierter Gewalt wurden – auch in unserem direkten Umfeld – deren
Geschichten nicht öffentlich werden? Warum gab es keinen Aufschrei von
Frau de Buer als aufgrund der Vernetzung und der Arbeit von Betroffenen
bekannt wurde, dass ein weiß-deutscher Bremer Masseur im Rahmen seiner
Tätigkeit jahrelang Grenzen überschritten und sexualisierte Gewalt
ausgeübt hat?

Ich bin unschuldig, weil die ‚Anderen‘ schuldig sind

Mit Blick auf die unkommentierten Fälle wird mehr als deutlich, um was
es Menschen wie Frau de Buer, Leyla Bilge und vielen anderen eigentlich
geht: Nicht um den Schutz von Frauen*, Queers, trans- und
intersexuellen Menschen vor Sexismus und sexualisierter Gewalt – sondern
um die Re-Aktualisierung einer Erzählung, in der nur der ‚fremde‘ bzw.
der ‚andere‘ Mann als Täter in Frage kommt. Sollte der Täter weiß und
deutsch sein, so wird die männliche Gewalt als „Familiendrama“ und
individueller Ausrutscher abgetan und nicht länger beachtet.

Diese Erzählung der sexistischen Gewalt des ‚anderen‘ Mannes ist aber
keine neue Erfindung, sondern tief in der deutschen Kultur verwurzelt.
So wurde bereits im Kolonialismus die angeblich ‚ungehemmte‘ Sexualität
der Schwarzen Männer als Gefahr für ‚deutsche‘ Frauen beschrieben, da
diese gewissermaßen zwangsläufig zu sexualisierter Gewalt führen würde.
Diese Erzählung hatte und hat dabei vor allem eine Funktion: Die
Konstruktion eines fortschrittlichen und einigen Deutschlands, in dem es
keinen Sexismus und keine sexualisierte Gewalt gibt – außer sie wird von
‚außen‘ importiert.

Sexismus und sexualisierte Gewalt – in Deutschland nichts Neues

Wie falsch diese These ist, zeigen die unzähligen Opfer sexualisierter
Gewalt hier in Deutschland, die meist von Tätern aus dem direkten Umfeld
ausgeübt wird. Diese Gewalt entsteht dabei nicht aus dem Nichts. Sie
basiert auf einer patriarchalen und sexistischen Gesellschaft, in der
Frauen*, Trans-, Inter- sowie Bi- und Homosexuelle viele Formen von
Benachteiligung, Diskriminierung und Gewalt erfahren. Das fängt bei den
vielen Formen des alltäglichen (Hetero-)Sexismus an, wie z.B.
sexistischen Sprüchen im Job, auf der Straße und beim Tanzen gehen, den
z.B. #Metoo verdeutlicht hat. Es drückt sich in der strukturellen
Ungleichheit von Frauen* aus, die sich beispielsweise in der
Gehaltslücke zwischen Männer* und Frauen* zeigt. Oder in der
Verweigerung Menschen zu ermöglichen ihr Geschlecht frei zu wählen. Und
er gipfelt in Gewalt und Mord aus Hass gegen Frauen*, Trans- und
Intersexuellen.

Not in our name

Wir sind heute daher nicht nur aufgrund der AfD auf der Straße, nein,
wir stellen uns auch dem menschenfeindlichem, sexistischem und
rassistischem Klima in Deutschland entgegen. In einer Zeit, in der jeder
sexistische Übergriff, jede sexualisierte Gewalt allein danach bewertet
wird, welche angebliche Herkunft der Täter hat, ist unser Eingreifen
umso wichtiger. Wir werden weiter für eine Gesellschaft ohne Sexismus,
Patriarchat und Rassismus kämpfen! Dabei scheuen wir auch nicht die
Auseinandersetzung mit denen, die meinen, dass Feminismus und
rassistischer Nationalismus gut zusammen passen würden – genauso wenig
wie mit denen, die meinen dass patriarchale Strukturen eine gute
Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben wären.

If the Queers are united…

In den Mittelpunkt unserer Politik wollen wir aber die Betroffenen und
ihre Angehörigen stellen, ihnen gilt unsere Anteilnahme und Trauer. Jede
Person, die sexistische und patriarchale Gewalt erfahren muss, ist eine
zu viel! Lasst uns daher Ohnmacht in Wut und Wut in Widerstand
verwandeln! Lasst uns auf die rassistische Hetze der angeblichen
Frauenrechtler*innen gemeinsam Antworten finden: In starken und diversen
Bündnissen von Frauen, Homo-, Inter- und Transsexuellen und allen, die
keinen Bock auf diese Scheiße haben! Lasst uns in unserer
Unterschiedlichkeit zusammen kommen, auf die Suche nach Verbindendem
gehen und einen breiten Feminismus auf die Straße tragen: Gegen den
patriarchalen Grundkonsens! Gegen die rassistische Vereinnahmung
sexistischer Gewalt! Unser Feminismus ist antirassistisch!

 

Interventionistische Linke Bremen