Am vergangenen Wochenende hat uns die autonome antifa [w] zu einer Podiumsdiskussion „Zum Stand feministischer Kämpfe“ im Vorfeld des internationalen Frauen*kampftages am 8. März nach Wien eingeladen. Die Gelegenheit haben wir gerne genutzt – zum Austausch auf dem Podium mit Vertreter*innen der Mädchenmannschaft, der TOP B3erlin und der kurdischen Frauenbewegung, zum Kennenlernen potentieller neuer Mitstreiter*innen und zum Besuch des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, sowie der Gedenkstätte Steinhof.

Bereits bei unserer Ankunft in Wien wurde klar: Das Thema Schwangerschaftsabbrüche ist hier nach wie vor umkämpft. „Ungewollt schwanger?“ steht auf zahlreichen Werbetafeln, bei denen erst ein zweiter Blick verrät, ob es sich hierbei um Werbung für eine Anlaufstelle der AbtreibungsgegnerInnen oder um eine neutrale Beratungsstelle handelt.

Den Samstagvormittag haben wir für einen Ausflug zur Gedenkstätte Steinhof auf der Baumgartner Höhe am Stadtrand von Wien genutzt. In den Gebäuden der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalten, in denen sich heute das Otto-Wagner-Spital befindet, wurden von 1938 bis 1945 massenweise Euthanasie-Morde vor allem an disableisierten Personen durchgeführt. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist auch für uns als Feminist*innen von zentraler Bedeutung, nicht zuletzt weil christlich-fundamentalistische AbtreibungsgegnerInnen den Euthanasie-Begriff immer wieder zur Diskreditierung von Schwangerschaftsabbrüchen missbrauchen. Wir glauben stattdessen, dass es eine historisch, medizinisch und politisch informierte feministische Debatte zum Thema (Dis-) Ableisierung und reproduktive Rechte geben muss, die in zentraler Weise von und mit disableisierten Personen gestaltet wird.

Zur Podiumsdiskussion am Samstagabend war der Raum gut gefüllt – an die 70 Personen hatten sich eingefunden, um über Feminismus in Zeiten einer gesellschaftlichen Diskursverschiebung nach rechts, über sinnvolle Schwerpunktsetzungen, Leerstellen und das aktuelle Ziel feministischer Kämpfe zu debattieren. Die Perspektiven waren dabei durchaus verschieden: Vom Netzfeminismus über die Suche nach gemeinsamen Kristallisationspunkten auf der Straße zu unserem Ansatz, weiterhin verschiedenste feministische Aktivitäten zu starten und das Internet dabei als Resonanzraum zu nutzen bis hin zum Aufbau einer neuen, nicht-patriarchalen Gesellschaft in Rojava war vieles dabei. Auch die Frage nach der Rolle von Staats- und Kapitalismuskritik und eigenen feministischen Utopien in unserer Theorie und Praxis wurde dabei beleuchtet. Zum Glück gibt es einen Audiomitschnitt, den wir den nächsten Tagen verlinken werden!

Natürlich wurde auch nach Ende der Veranstaltung noch lange weiter diskutiert. In zahlreichen Gesprächen tauschten wir dabei Perspektiven auf AfD und FPÖ, auf die Neue Rechte und feministische Strategien gegen selbige aus. Dabei haben sich auch Perspektiven auf potentielle neue Mitschreiter*innen bei Feminism Unlimited gezeigt – wir bleiben gespannt!

Erfahren haben wir außerdem, dass es in diesem Jahr erstmals drei Demonstrationen zum Frauen*kampftag in Wien geben wird: eine Vorabenddemo am 7. März, organisiert von der autonomen antifa [w], offen für alle Geschlechter; eine FLINT*-Demo am 8. März, organisiert von Menschen, die einen Raum schaffen wollen für alle Personen, die von Sexismus und Patriarchat betroffen sind und die damit die Hegemonie der (dritten) ausschließenden, trans* und inter-exklusiven traditionellen Frauendemo von institutionellen Akteurinnen in Frage stellen. Klar ist: Feminismus geht uns alle an, eine reine Beschränkung auf cis-Frauen produziert neue Ausschüsse und verkürzt die komplexe Wirkung des Patriarchats. Auch in Wien heißt es deshalb für alle am 7. und für FLINT*-Personen auch am 8. März: Heraus zum internationalen Frauen*kampftag!

Den Sonntag haben wir schließlich für einen ausführlichen Besuch des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch genutzt. In zwei Räumen wird hier auf Infotafeln, mit Anschauungsmaterial, Videos, Graphiken und einem sehr interessanten Audioguide über die Geschichte und Entwicklung von Verhütung und Schwangerschaftsabbrüchen informiert. Hierbei wird klar Partei ergriffen für das Recht auf sexuelle und körperliche Selbstbestimmung. Neben der Entwicklungsgeschichte funktionierender Methoden der Verhütung werden auch zahlreiche Beispiele gescheiterter Versuche beleuchtet. Mit Blick auf die Geschichte von Schwangerschaftsabbrüchen wird klar: Abtreibungen gab es schon immer, so lange sie aber illegalisiert sind, gefährden Durchführungen von Laien, ohne die richtigen Instrumente und ohne eine sterile Umgebung das Leben und die Gesundheit der abtreibenden Person erheblich. Leider ist die Ausstellung mehrheitlich auf Deutsch gehalten, der Audioguide ist aber auch auf Englisch erhältlich.

Den Kopf voller neuer Denkanstöße und motiviert durch so viel Engagement in Wien machen wir uns nun auf den Weg zurück nach Berlin und hoffen bald mehr aus Wien zu hören! Vielen Dank an unsere Gastgeber*innen, die uns das Wochenende über begleitet haben. Wir freuen uns, euch vielleicht bald in Berlin zu empfangen.