Eine Welt, in der viele Feminismen Platz finden

Voneinander lernen – Unterschiede (an)erkennen – Gemeinsam kämpfen

von Jette Würfel, Judith Manusch und Tanja Gäbelein

Rund um den internationalen Frauen*kampftag (1) luden die Frauen* der Generalkommandatur der EZLN, also der zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung im chiapanekischen Süden Mexikos (2), zum „Ersten internationalen politischen, künstlerischen, sportlichen und kulturellen Treffen der Frauen*, die kämpfen“ ein. Der Einladung folgten neben ca. 2000 zapatistischen Frauen* auch etwa 5000 internationale und mexikanische Aktivistinnen*. Männer* waren für drei Tage vom Treffen ausgeschlossen und unterstützen die Frauen* außerhalb des Geländes mit Kochen und Kinderbetreuung.

Bei den Zapatistas gibt es ein geflügeltes Wort: Sie kämpfen für „eine Welt, in der viele Welten Platz finden“. Auf diese Weise zollen sie den unterschiedlichen Lebensrealitäten, Wünschen und Bedürfnissen weltweit Respekt, geben gleichzeitig jedoch die Perspektive auf gemeinsame Kämpfe nicht auf. Vielmehr erkennen sie in der Heterogenität der Rebellionen eine Stärke, mit der es umzugehen und die es zu nutzen gilt – auch als Feminist*innen. Wir sind also vom 8.-10. März 2018 ins Caracol „Morelia“ (eines der fünf Sitze der zapatistischen Selbstverwaltung) gefahren, um zuzuhören, was unsere Genossinnen* weltweit bewegt, worum sie ringen, woran sie scheitern und wie und warum sie doch nicht aufgeben werden. Wir sind gekommen, um zu sehen, wie andere Frauen* kämpfen und um zu überlegen, was wir davon für unsere Kämpfe lernen können.

Eigentlich hatten wir geplant, einen Überblick über die verschiedenen Kämpfe und Perspektiven, denen wir auf dem Treffen begegnet sind, zu geben. Schon Ende des ersten Tages wurde uns allerdings klar, dass so ein Projekt aufgrund der Fülle an Eindrücken zum Scheitern verurteilt sein muss. Stattdessen stellen wir nun einige Gedanken vor, die uns seit dem Treffen begleiten. Es sind einzelne Impressionen, keine abschliessenden Einschätzungen – aber schaut doch einfach auf „Enlace Zapatista“ (3) vorbei, dort haben die Compas (4) eine Menge Material online gestellt.

Eine Nachricht an alle verschwundenen, ermordeten, misshandelten Frauen* und ihre Angehörigen: „No estás sola“ – Du bist nicht allein

Nach Morelia waren alle Frauen* eingeladen, die kämpfen. Zusammengefunden haben sich daraufhin indigene Frauen*, alte Frauen*, Trans*frauen, religiöse Frauen*, Ingenieurinnen* und so viele mehr. Was aber verbindet all diese unterschiedlichen Menschen?

Insurgenta Erika (EZLN) erklärte dazu in ihrer Eingangsrede: „Wir sagen, dass wir Frauen* sind und außerdem, dass wir Frauen* sind, die kämpfen. Wir sind also unterschiedlich und doch sind wir gleich.“ Etwas später fügte sie Folgendes hinzu: „Was uns aber auch gleich macht, sind die Gewalt und der Tod, mit denen sie uns konfrontieren. Darin sehen wir die Moderne dieses verdammten kapitalistischen Systems. Wir sehen, dass es mit seiner Gewalt und seinem Tod, die das Gesicht, den Körper und den Kopf des Patriarchats tragen, einen Wald [sprich: ein großes Ganzes, Anm. d. Autorin] aus allen Frauen* der Welt gemacht hat.“ (5) Und tatsächlich waren Erfahrungen häuslicher, sexualisierter und patriarchaler Gewalt bis hin zum Feminizid ein sehr präsentes Thema auf diesem Treffen. In Diskussionen, Ausstellungen, Gedichten und Reden Angehöriger wurde eine flächendeckende, direkte Betroffenheit spürbar. Das wundert wenig, werden doch allein in Mexiko jeden Tag etwa sieben Frauen* ermordet, weil sie Frauen* sind. Die seit langem in ganz Lateinamerika bekannte Kampagne „Ni una menos“, zu dt. „Nicht eine weniger“ (6) erreichte im vergangenen Jahr auch europäische Öffentlichkeiten.

Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Erfahrbarkeit der geteilten Gewalterfahrung bot ein Theaterstück des Kollektivs „Actoras de cambio“, zu dt. „Darstellerinnen/Akteurinnen des Wandels“. (7) Darin haben mehrere indigene Frauen* aus Guatemala ihre Erfahrungen sexualisierter Gewalt während des guatemaltekischen Bürgerkriegs verarbeitet. Zentrale Momente waren dabei die gegenseitige Unterstützung nach einer langen Phase der Isolation sowie das symbolische Abwerfen der eigenen und fremden Vorwürfe und der Last des Täters. Schon während der Aufführung, insbesondere aber im anschließenden Gespräch hatten viele der Anwesenden, Zuschauerinnen* wie Darstellerinnen*, Tränen in den Augen oder lagen sich weinend in den Armen. Eine indigene Aktivistin* aus dem mexikanischen Bundesstaat Yucatán fasste die Atmosphäre wie folgt zusammen: „In unserem Applaus habe ich ein tiefes Verständnis gehört. Ein Verständnis, das sagt: ‚Wir sind bei Euch. Wir verstehen. Wir teilen Euren Schmerz.'“ Diese Erfahrung war heilsam und belastend zugleich. Heilsam, weil endlich einmal nichts erklärt werden musste, weil das gegenseitige Verständnis einfach da war und weil ebenso klar war, dass das Geschehene niemals unsere Schuld gewesen ist. Belastend aber auch, weil spürbar wurde, wie viele Frauen* mit so unterschiedlichen Hintergründen und Kontexten ähnliche Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben, wie eng das Leben als Frau* weltweit noch immer verknüpft ist mit Misshandlungen und Missbrauch.

Doch neben Verständnis und Schmerz wurde noch etwas anderes geteilt. Eine gerechte, rebellische Wut über das, was uns widerfahren ist – und die versammelte Kraft von tausenden Frauen*, die trotz oder gerade wegen dieser Erfahrungen nicht aufgegeben haben, die sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam in vielen verschiedenen Kämpfen weitermachen. In den Worten einer der Darstellerinnen*: „Wir sind noch am leben. Wir werden weiterleben. Allein unser Weiterleben ist bereits eine Rebellion.“ Und so schlagen auch die zapatistischen Frauen* folgendes Abkommen vor: „Wir beschließen, zu leben und für uns heißt leben auch kämpfen. Wir beschließen also, jede* auf ihre* Art, an ihrem* Ort und in ihrer* Zeit zu kämpfen. […] Denn das, was wir erreichen wollen ist, dass keine Frau* aus welcher Welt auch immer, welcher Farbe auch immer, welcher Größe auch immer, welchen Alters auch immer, welcher Sprache auch immer, welcher Kultur auch immer, Angst haben muss.“

Was nehmen wir daraus nun für uns mit?

„Acordamos vivir, y como para nosotras vivir es luchar, pues acordamos luchar“ –  Wir haben beschlossen zu leben, und da für uns leben kämpfen bedeutet, haben wir beschlossen zu kämpfen (8) 

Auch wenn sich wohl eine große Mehrheit der Personen bei dem Treffen als Feministinnen* bezeichnen würde, war es doch auffallend, dass dieser Begriff weder im Titel noch in der Einladung vorkam. Der Aufruf an „alle Frauen*, die kämpfen“ regte somit auch über verschiedene Diskussionen und Definitionen hinweg zu einem vielfältigen Austausch und einer breiten Vernetzung an. Dementsprechend abwechslungsreich sah auch das Programm aus.

Nachdem der erste Tag mit Reden, Theaterstücken, Fußballspielen, Tanzaufführungen und Konzerten der zapatistischen Frauen* gefüllt war, konnten in den darauffolgenden Tagen alle weiteren Frauen* ihre Beiträge teilen. Entsprechend sah mensch in dem Versuch, den Überblick über das Tagesprogramm zu behalten, zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Frauen* vor den großen, vollgepackten Transparenten versammelt, welche die vielen Workshops, Diskussionsrunden und Performances nach Uhrzeit und Orten ankündigten.

Wie vielfältig Feminismus als Bewegung ist, wurde durch die  Vorträge über verschiedene feministische Strömungen (z.B. Afrofeminismus, dekolonialer Feminismus, Lesbofeminismus) deutlich. Doch auch Beiträge zu aus unserer Perspektive „typisch feministischen“ Themen wie sexualisierte Gewalt, Abtreibungsrechte und Reproduktionsarbeit waren vertreten. Die Rolle von Körpern stand dabei auffällig im Zentrum der Diskussion: So wurden auf der einen Seite Workshops zu Körper und (sexueller) Gesundheit, alternativen Heilmethoden und „autonomer“ Gynäkologie angeboten. Auf der anderen Seite gab es viele Beiträge, die Körper als Territorium behandelten, d.h. als Ort der Eroberung, Aneignung und Ausbeutung, an dem sich diskriminierende Strukturen materialisieren und sich gleichzeitig unsere Widerstände artikulieren. (9) 

Hier sorgte auch das Thema der Feminizide für bewegende Momente der Wut und Solidarität. Unter anderem kamen Vertreterinnen* aus der Grenzstadt Ciudad Juarez, welche durch eine Zahl von 700 Feminiziden im Jahr 2012 und die Prosteste ihrer Mütter* traurige Bekanntheit erlangte, zu Wort. Auch Araceli Osorio, deren Tochter Lesvy Berlín Rivera im Mai 2017 auf dem Unicampus der UNAM in Mexiko-Stadt ermordet wurde, forderte Gerechtigkeit und Unterstützung. “No estás sola – Du bist nicht allein“ war erneut die Antwort der Teilnehmerinnen*, welche sich in diesen Momenten in lauten Sprechchören wiederholte und gleichzeitig Gänsehaut und Mut verbreitete.

Darüber hinaus wurde auch von vielen weiteren Kämpfen berichtet, in denen Frauen* weltweit aktiv sind. Einmal mehr wurde deutlich, dass „Frauen*, die kämpfen“, eben nicht nur für Frauen* kämpfen, sondern sich weltweit mit Unterdrückten und Vergessenen solidarisieren. So kamen auch Frauen* zu Wort, die Migrant*innen auf ihren Wegen mit Schlafplätzen und Essen unterstützen, Frauen*, die gegen unwürdige Bedingungen in Gefängnissen und ungerechte Strafen kämpfen, und Angehörige und Unterstützerinnen* der Solidaritätsbewegung mit den 43 Studierenden von Ayotzinapa, die im September 2014 von der mexikanischen Regierung entführt und „verschwunden gelassen“ wurden. 

Während der drei Tage war außerdem der Kampf um Landrechte besonders präsent – ein Thema, das sich durch verschiedenste Geografien und Biografien zieht und in dem sich weltweit insbesondere Frauen* organisieren. So berichteten beispielsweise Mapuche-Frauen* aus Patagonien, die gegen die Enteignung ihrer Terrotorien durch die Regierungen Chiles und Argentiniens sowie durch internationale Konzerne (wie die Kleidermarke Benetton) protestieren. Außerdem gab es Redebeiträge von Vertreterinnen* indigener Gruppen aus Kanada, die sich gegen den Ausbau einer Öl-Pipeline in Burnaby, Vancouver einsetzen. Die Verbindung zwischen der Kolonialisierung von Land und der Kolonialisierung und Diskriminierung von Frauen* und ihrern Körpern wurde auch in einem Vortrag zu Berta Caceres betont. Als Menschenrechts- und Umweltaktivistin wurde die Vertreterin der indigenen Organisation COPINH in Honduras, aufgrund ihres Protests gegen das Staudammprojekt Agua Zarca im März 2016 ermordet. Beteiligung wird dabei unter anderem den deutschen Unternehmen Voith Hydro und Siemens vorgeworfen.

Für uns war das ein Moment, um über feministische Bewegungen in Deutschland zu reflektieren. Wie können wir Feminismus als Querschnittsthema sichtbar machen und angehen?  Wie lassen sich Feminismus und Kämpfe um die Privatisierung von Land und Wohnraum, gegen den Klimawandel oder die Neue Rechte zusammen denken? Und wie können wir uns als Feministinnen* angesprochen fühlen und vernetzen, auch wenn es wie bei den genannten Kämpfen in Patagonien, Kanada oder Honduras auf den ersten Blick nicht um Feminismus im engeren Sinne geht?

„Wir können wetteifern, […] welche von uns am revolutionärsten ist, […] wir können aber auch einfach respektvoll reden und zuhören […] und so unsere Kämpfe nähren“ (10)

Weit über das Sichtbare und Greifbare des Events hinaus – weit über die Inhalte, Konditionen, geknüpften Kontakte – hinterließ die vorherrschende Athmosphäre einen Eindruck auf uns. Ganz gegensätzlich zu den immer wieder vorkommenden Szenekämpfen, die allzu oft geprägt sind von Vorwürfen,  Anschuldigungen und wenig Fehlertoleranz, nahmen wir die Stimmung in Chiapas als überaus wertschätzend und wohlwollend wahr. Frauen*, mit denen wir darüber sprachen, benutzten die Begriffe „vertrauensvoll“, „unbeschwert“ und „angsfrei“, um ihre Wahrnehmung zu beschreiben. So wurden schüchterne Referentinnen* kräftig ermutigt, statt für ein vielleicht nicht ganz routiniertes Konzept kritisiert. Vortragende wurden konstruktiv auf inhaltliche Lücken oder sprachliche Ausschlüsse hingewiesen. Insgesamt sahen wir viel Lob und Anerkennung für Projekte, viel Mut, Fallenlassen und Ausprobieren in Workshops.

Wir fragen uns: Woher kam die offene Athmosphäre? 

Sicherlich hat die Eröffnungsrede ihren Teil dazu beigetragen, in der die zapatistischen Veranstalterinnen* klarstellten:  „Wir können uns entscheiden, darum zu wetteifern, welche von uns die Coolste ist, welche die besten Worte hat, welche am revolutionärsten ist, welche am meisten denkt, welche am radikalsten ist, welche sich am besten benimmt, welche die Befreiteste ist, welche die Schönste ist, welche die Beste ist, welche am besten tanzt, welche am schönsten malt, welche gut singt, welche am meisten Frau* ist, welche im Sport gewinnt, welche am meisten kämpft. […] Wir können aber auch einfach respektvoll zuhören und reden. Als die Frauen* die wir sind, Frauen* die kämpfen. Wir können uns Tanz, Musik, Video, Malerei, Poesie, Theater, Spaß und Wissen schenken und so unsere Kämpfe ernähren.“

Vielleicht wurde die respektvolle Atmosphäre auch gestärkt durch das (von fast allen respektierten) Verbot von Alkohol und Drogen. Das Verbot ist auf eine Initiative der zapatistischen Frauen* zurückzuführen und seit 1993 Teil der „revolutionären Frauengesetze“. Es gilt für alle Zapatist*innen, in allen zapatistischen Gebieten und trug in den letzten Jahrzehnten maßgeblich dazu bei, die Gewalt gegenüber Frauen* zu reduzieren.

Ganz sicher stellt auch die Abwesenheit von Männern* einen Teil der Begründung dar. Dies war für die meisten eine besondere Erfahrung: Über Körper oder sexualisierte Gewalt sprechen zu können ohne, von Männern* in Frage gestellt zu werden. Ausgelassen zu tanzen, ohne belästigt zu werden und nachts über das große Gelände auf die Toilette zu gehen, ohne Angst vor unangenehmen Situationen oder Übergriffen zu haben. Denn obwohl auch Frauen* Täterinnen* sein können, geht Gewalt gegenüber Frauen* doch zu weit über 90 Prozent von Männern* aus. (11) Aber der wichtigste und nachhaltigste Moment war wohl, in dieser Atmosphäre andere Frauen* kennenzulernen, zu hören, was sie beschäftigt und wofür sie kämpfen – das Wissen, dass wir viele sind und noch weit kommen können.

Auf dem Gelände trafen sich 7000 Frauen* aus über 60 Ländern, aus unterschiedlichen Klassen, mit verschiedenen Rassismuserfahrungen, Sprachen,  Privilegien und Kämpfen, verbunden durch die von allen geteilte Erfahrung der Diskriminierung als Frauen*. Vereint aber auch im Kampf gegen „das schlechte System“, oder – in den Worten von Insurgenta Erika – „gegen das verdammte kapitalistische patriachale System, das uns misshandelt und ermordet.“ „Wir sind gleich, weil wir unterschiedlich sind“ ist auch die Anerkennung der unterschiedlichsten Kämpfe und eine Absage daran, diese Kämpfe zu werten und zu hierarchisieren.

Die Gleichzeitigkeit verschiedener Themen und Feminismen bedeutete nicht nur inhaltlichen Anschluss und Identifikationsmöglichkeit für die schiere Vielfältigkeit der anwesenden Frauen*. Sie barg auch die wichtige und notwendige Möglichkeit, sich mit Kämpfen, Argumenten und Meinungen auseinanderzusetzen, die den eigenen widersprechen oder fremd sind. Für die Zapatistas ist das Offen-fuer-anderes-sein, das Allem-eine-Chance-geben, nicht nur graue Theorie sondern gelebte Praxis. So wurde jeder der mehreren hundert eingereichten Programmbeiträge ohne weitere Ausschlusskriterien angenommen und mit gleich knapper Zeit begünstigt. Dieses Vorgehen interpretieren wir als Wertschätzung der zapatistischen Organisatorinnen* für die Beiträge und die Arbeit der vortragenden Frauen*. Sie haben keine öffentliche Wertung vorgenommen, haben nicht bestimmt, welche das bessere Konzept hat oder welche die „relevanteren Fragestellungen“ bearbeitet. Vielleicht ist es auch der Versuch, ihre Macht als Organisiernde einzuschränken, denn in zapatistischen Gebieten heißt es: „Hier regiert das Volk und die Regierung gehorcht“. (12) Wir finden diesen Ansatz interessant, weil er gerade in einem so diversen Kontext Vielfältigkeit zulässt und den Teilnehmenden viel Verantwortung überträgt. Gleichzeitig können dadurch auch diskriminierende oder verletzende Beiträge eine Bühne bekommen, auch wenn uns auf diesem Treffen keine aufgefallen sind.

Neben der Offenheit für Programmbeiträge gab es auch für die Zahl an Teilnehmerinnen* keine Obergrenze, der Eintritt war kostenlos. Die 2000 Frauen* aus den 5 Caracoles organisierten sich, und nahmen an allen Programmbeiträgen teil. Die Tercios Compas, die Medienkommission der Zapatistas, hielten jeden Beitrag auf Video fest, um die Inhalte so für die Zapatistas zugänglich zu machen, die nicht zum Treffen kommen konnten. Wir sind beeindruckt von einem derartigen Aufwand, der zeigt, dass nicht nur einige zapatistische Frauen*, sondern ein Großteil der Zapatistas insgesamt hinter dem Treffen stand. 

Die undogmatische Vorstellung von Frauen*, die kämpfen der Zapatistas wurde auch am letzten Abend deutlich, als die draußen helfenden und wartenden Männer* Teil der Abschlussparty werden durften. Dies ist auch ein Zeichen der Organisatorinnen* für einen gemeinsamen Weg und gegen die unter anderem in Mexiko verbreitete radikal-feministischen Strömung, nach der Frauen* ohne oder gegen Männer* kämpfen müssten – eine Vorstellungen, die viele indigene oder Schwarze Frauen* als ein Problem des weißen, dominanten  Feminismus kritisieren. (13)

Die Mitglieder aller Caracole haben ihren Teil zum Gelingen des Treffens beigetragen, sei es durch den Ausbau des Geländes für die vielen Teilnehmerinnen* oder durch die Übernahme der Fahrtkosten für die anreisenden Zapatistinnen*. Dafür möchten wir allen Zapatistas von Herzen danken. Die Organisatorinnen* wiederum bedankten sich zum Abschluss für die vielen Gäste, die vielen Beiträge und Eindrücke und auch für „die komischen Sachen, von denen wir nicht einmal wussten, was sie sind“. Zuhören, Hinsehen und Lernen sind die vielleicht wichtigsten zapatistischen Tugenden.

„Seguir luchando, cada quien según su modo, su tiempo y su mundo.“ – Weiterkämpfen, jede* nach ihrer* Art, ihrer* Zeit und ihrer* Welt (14)

Dass es nach diesen drei kraftvollen, bunten, lehrreichen und inspirierenden Tagen ein nächstes Treffen geben soll, schien breiter Konsens zu sein und so wurde der Vorschlag der Zaptistas, sich nächstes Jahr wiederzusehen, mit Begeisterung und viel Jubel aufgenommen. Da Ort und Zeitpunkt aber noch nicht feststehen, heißt es jetzt auch dem zapatistischen Aufruf zu folgen und eigene Treffen in unseren Städten und Dörfern zu organisieren. In Mexiko gab es daraufhin Anfang Mai schon ein „Encuentro de Mujeres que Luchan“ in Ecatepec im Estado de México und ein „Encuentro de Mujeres Metropolitanas“ in Mexiko Stadt ist in Planung. Wie es in der Abschlussrede hieß, geht es darum „zu vereinbaren, weiter am Leben zu bleiben und weiterzukämpfen; jede* nach ihrer Zeit, ihrer Art und ihrer Welt“. Weiter hieß es: „Denn das, was wir brauchen ist, dass keine einzige Frau, egal welcher Hautfarbe, Größe, welchen Alters, welcher Sprache oder Kultur, mehr Angst haben muss. Denn wenn wir sagen ‚Ya Basta!‘ – es reicht!, dann ist es so, dass der Weg gerade erst anfängt und dass immer das fehlt, was fehlt.“ (15)

Fußnoten:

(1) Wir schreiben Frauen (und Männer) mit * um auf die Konstruktion des biologischen und gesellschaftlichen Geschlechts hinzuweisen. Es ist ein Zeichen gegen die Generalisierung der Kategorie „Frau“ und steht somit darüber hinaus für die Diversität der verschiedenen Lebensrealitäten. So erklärten auch die Zapatistas in ihrer Eröffnungsrede: 

„Hier spielt das Alter keine Rolle, ob man verheiratet oder Single ist, Witwe oder Geschiedene, ob man aus der Stadt oder vom Land kommt, ob man Parteianhängerin ist, ob man Lesbe ist, asexuell oder transgender, oder wie sich jede selbst bezeichnet, ob man studiert hat oder nicht, ob man Feministin ist oder nicht. Alle sind willkommen […]“.

(2) Zapatistas sind in ihrer großen Mehrheit indigene Subsistenz-Bäuer*innen im südlichsten Bundesstaat Mexikos, Chiapas. Aufbauend auf einer zehnjährigen klandestinen Vorbereitung wagte ihre „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung“ (EZLN) am 1. Januar 1994, dem Tag des Inkrafttretens des NAFTA-Abkommens, den Aufstand. Ihre Forderungen waren und sind bis heute vor allem die Anerkennung indigener und weiblicher* Rechte, Demokratie und Gerechtigkeit für alle Mexikaner*innen. 2001 erklärte die EZLN jede Kommunikation mit der mexikanischen Regierung für gescheitert, als diese (mit den Stimmen aller im Parlament vertretenen Parteien) ein Gesetz über indigene Rechte verabschiedete, das mit den Versprechen vorangegangener Verhandlungen nichts mehr zu tun hatte. Seither setzen die Zapatistas auf ihr System der autonomen Selbstregierung und -bestimmung. Zentrale Elemente sind dabei Basisdemokratie, der Aufbau eigener Gesundheits- und Bildungsstrukturen und die Subsistenzlandwirtschaft. Immer wieder wenden sie sich auch an die mexikanische und internationale Zivilgesellschaft, um gemeinsam für ein besseres Leben für alle zu kämpfen.

„Aber wir wissen, dass es unterschiedliche Farben, Größen, Sprachen, Kulturen, Berufe, Gedanken und Formen des Kampfes gibt. Aber wir sagen, dass wir Frauen sind und außerdem, dass wir Frauen sind, die kämpfen. Also sind wir verschieden aber wir sind gleich“ (Insurgente Erika in der Eröffnungsrede zum Ersten (Internationalen, Politischen, Künstlerischen, Sportlichen und Kulturellen) Treffen der Frauen* die kämpfen, 8.3.2018) http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2018/03/08/palabras-a-nombre-de-las-mujeres-zapatistas-al-inicio-del-primer-encuentro-internacional-politico-artistico-deportivo-y-cultural-de-mujeres-que-luchan/

(3) Ihr findet „Enlace Zapatista“ unter: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/)

(4) Die Zapatistas bezeichnen sich gegenseitig als „Compañero/Compañera, zu dt. „Genoss/in. Abgekürzt wird das dann mit „Compa“.

(5) Die Zapatista-Zitate haben wir selbst übersetzt. Dabei war es uns wichtig, möglichst nah am spanischen Original zu bleiben. Da die Zapatistas eine sehr eigene, bildreiche Sprache verwenden, können manche Zitate im Deutschen etwas sperrig wirken.

(6) In manchen Ländern heißt die Kampagne auch „Ni una más“, zu dt. „Nicht eine mehr“.

(7) Mehr Informationen zu den Actoras de cambio findet Ihr auf Spanisch auf ihrer Internetseite: http://www.actorasdecambio.org.gt/index.php?option=com_content&view=article&id=24&Itemid=118

(8) Die zapatistischen Frauen* in ihrer Eröffungsrede zum Ersten Internationalen, Politischen, Künstlerischen, Sportlichen und Kulturellen Treffen der Frauen* die kämpfen, 10.03.2018 http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2018/03/08/palabras-a-nombre-de-las-mujeres-zapatistas-al-inicio-del-primer-encuentro-internacional-politico-artistico-deportivo-y-cultural-de-mujeres-que-luchan/

(9) Trans*Perspektiven auf Körper haben wir dabei leider nicht gefunden. Sehr häufig wurde stattdessen von einem vermeintlich „biologisch weiblichen“ Körper ausgegangen.

(10) Die zapatistischen Frauen* in ihrer Eröffnungsrede zum Ersten Internationalen, Politischen, Künstlerischen, Sportlichen und Kulturellen Treffen der Frauen* die kämpfen, 8.3.2018 http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2018/03/08/palabras-a-nombre-de-las-mujeres-zapatistas-al-inicio-del-primer-encuentro-internacional-politico-artistico-deportivo-y-cultural-de-mujeres-que-luchan/

(11) So belegt beispielsweise eine der größten systematischen Studien zu Gewalt an Frauen* in Europa aus dem Jahr 2014, dass 97 Prozent der Täter männlich* sind. http://www.sueddeutsche.de/panorama/eu-studie-jede-dritte-frau-ist-opfer-von-gewalt-1.1904508

(12) Das zapatistsiche Prinzip des „gehochenden Regierens“ ist ein Grundpfeiler ihrer autonomen Selbstregierung. Die regelmäßig rotierenden „Räte der guten Regierung“ sind dabei vor allem Verwaltungseinheiten, die den Überblick über aktuelle Themen und Entwicklungen behalten sollen. Wichtige Entscheidungen werden von allen Mitgliedern eines Caracols in gemeinsamen Versammlungen getroffen. Der Rat hat dabei eine moderierende Funktion und muss die Entscheidungen des Kollektivs im Anschluss umsetzen. Haben die Zapatistas den Eindruck, ein Ratsmitglied erfülle seine Aufgaben nicht, kann es jederzeit in einer Versammlung abgesetzt werden.

(13) Dazu erklärten die zapatistischen Frauen* in ihrer Eröffnungsrede:

„Denn nicht nur die Männer, auch Frauen aus der Stadt sind es, die uns verachten, weil wir nichts vom Kampf der Frauen wissen, weil wir keine Bücher gelesen haben, in denen die Feministinnen erklären, wie es sein sollte und viele Dinge, die sie sagen und kritisieren, ohne zu wissen, wie unser Kampf ist. Denn es ist eine Sache Frau zu sein, eine andere Sache ist es arm zu sein, und eine ganz andere Sache Indígena zu sein. Und die indigenen Frauen, die mich hören, wissen das sehr gut. Und eine ganz andere Sache ist es, und noch schwieriger, eine zapatistische indigene Frau zu sein.“

(14) Die zapatistischen Frauen in der Abschlussrede zum Ersten Internationalen, Politischen, Künstlerischen, Sportlichen und Kulturellen Treffen der Frauen* die kämpfen, 8.3.2018) http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2018/03/10/palabras-de-las-mujeres-zapatistas-en-la-clausura-del-primer-encuentro-internacional/

(15) ebd. (aus der Abschlussrede)