Die #MeToo-Demo, die am 28.10.2017 in Berlin stattfand, hat vielen Menschen eine Plattform gegeben, ihre Betroffenheit, Wut und Solidarität zu zeigen. FrauenLesbenTrans*Inter*Personen (FLTI*) haben sich zusammengeschlossen – und gemeinsam eine Stimme gegen sexualisierte Gewalt gefunden. Noch beeindruckender als die breite Beteiligung von etwa 1500 Menschen war der sichere Raum, der für einige Rednerinnen vorhanden war, um mutig ihre persönlichen Erfahrungen zu teilen. Auch die Präsenz von cis-Männern, die dem FLTI*-Block folgten, zeigte deutlich, dass es sich bei sexualisierten Übergriffen nie um bloße „Frauensache“ handelt, sondern immer Ausdruck eines systematischen Ungleichgewichts unserer Gesellschaft ist – die Forderungen im Folgenden gehen auf diesen Grundgedanken der #MeToo-Demo ein: Sie wurden im Vorfeld verfasst und zeigen auf, dass es sich bei sexualisierter Gewalt nicht um eine Reihe unzusammenhängender Übergriffe handelt.

Sexualisierte Gewalt muss als Mittel der Machtausübung begriffen werden

Wir sprechen von sexualisierter Gewalt, weil es dabei nicht um sexuelles Begehren oder vermeintliche Triebe geht, sondern um die Ausübung von Macht.

Die Debatte um sexualisierte Gewalt darf sich nicht auf eine bestimmte Gruppe beschränken! Sie muss die Perspektiven aller Betroffenen miteinbeziehen!

In den Medien wird viel von und mit betroffenen cis-Frauen gesprochen. Das sind Frauen, die schon bei ihrer Geburt als Mädchen eingeordnet wurden und die sich mit dem weiblichen Geschlecht identifizieren. Bei sexualisierter Gewalt geht es aber nicht um ein vermeintlich biologisches Geschlecht, sondern um die Abweichung von der männlichen Norm. Betroffen sind alle Personen, die sich selbst als Frauen identifizieren, aber auch solche, denen die Weiblichkeit nur zugeschrieben wird. Betroffen sind außerdem Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann einordnen lassen.

Sexualisierte Gewalt muss als vielschichtiges und komplexes Problem ernstgenommen werden!

Alle FrauenLesbenTrans*Inter*Personen (FLTI*) sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Gleichzeitig variiert jedoch die konkrete Erfahrung. Diskriminierung aufgrund von geschlechtlicher Zuschreibung, Sexualität, rassistischer Zuschreibung, Religion, (Nicht-)Behinderung und sozialer Stellung überlagern sich auch in diesem Bereich.

Das zeigt sich beispielsweise bei beHinderten Personen, denen häufig die Selbstbestimmung über ihre Sexualität abgesprochen wird. Im Falle sexualisierter Übergriffe ist es für sie daher besonders schwierig, Gehör und Unterstützung zu finden.

Sexismus und Rassismus treffen zusammen wenn beispielsweise (deutsch-) asiatische FLTI*Personen in übersexualisierter Weise dargestellt werden. Oft wird ihnen dabei eine besondere Unterwürfigkeit unterstellt. Das geht gar nicht!

Feminismus muss antirassistisch sein!

Die letzte große Debatte um sexualisierte Gewalt in Deutschland gab es nach den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht 2015/16. Spätestens seitdem dominieren rassistische Deutungen. Es geht um Schwarze cis-Männer als Täter und weiße cis-Frauen als Opfer. Diese Sichtweise spiegelt auch das neue Sexualstrafrecht wider. Täter ohne deutschen Pass sollen abgeschoben werden. Doch das Problem sind nicht die vermeintlich „fremden“, Schwarzen, muslimischen und/oder geflüchteten Männer – das Problem betrifft uns alle.

Die Schuld an sexualisierter Gewalt trifft niemals die Betroffenen!

Das Problem beginnt zum Beispiel dort, wo Betroffenen eine (Mit-) Schuld am Übergriff gegeben wird. Sei es die Kleidung (ein zu kurzer Rock, ein zu tiefer Ausschnitt), der Beruf (etwa Sexarbeiter*innen oder Reinigungskräfte in Hotels) oder vermeintlich leichtfertiges Verhalten (z.B. nächtliche Spaziergänge von FLTI*Personen). Betroffene müssen sich immer wieder rechtfertigen – vor ihren Angehörigen, vor Freund*innen, vor der Polizei und vor den Medien. Damit steigt die Hürde, über die erfahrene Gewalt zu sprechen, ins Unermessliche. Das muss aufhören!

Der Fokus sollte auf den Tätern und ihren Handlungen liegen, nicht auf den Betroffenen!

Statt über das vermeintliche Fehlverhalten der Betroffenen zu sprechen, muss es um die Täter gehen. Täter sind es, die die Gewalt ausüben. Ihre Motivationen, Ansichten, Lebenssituationen und Erziehung erklären die Tat. Wir erinnern uns: Bei sexualisierter Gewalt geht es um Macht. Es geht um Macht in einer Gesellschaft, die FLTI*Personen als schwach und passiv darstellt.

Jede Form sexualisierter Gewalt, sei es der sexistische Spruch auf der Straße, der Griff an den Po oder die Vergewaltigung, muss ernst genommen werden!

Belästigungen und sexualisierte Gewalt werden häufig zum „Kompliment“ oder „Missverständnis“ heruntergespielt. Erst bei einer Vergewaltigung wird den Betroffenen tatsächlich zugehört – und sogar dann wird ihre Schilderung in Frage gestellt. Sogenannte „Pick Up-Artists“ prahlen öffentlich mit Anleitungen, wie FLTI*Personen gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen gebracht werden können. Diesen Menschen darf kein Raum gegeben werden!

Es braucht mehr und bessere institutionelle Unterstützung Betroffener!

Sexualisierte Gewalt ist kein privates, sondern ein strukturelles Problem. Es braucht mehr Anlaufstellen für Betroffene in ihrem direkten Umfeld – an Schulen, an Unis, am Arbeitsplatz.

Betroffene von sexualisierter Gewalt haben das Recht, sich zu wehren!

Alle anderen haben die Pflicht, die betroffene Person zu unterstützen!

Noch immer gibt es mehr Solidarität mit Personen, deren sexistisches Verhalten angesprochen wird, als mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Das muss sich ändern. Betroffene haben nicht die Pflicht sich zu wehren. Sie müssen tun können, was sich für sie richtig anfühlt. Dabei haben sie ein Recht auf Unterstützung. Diese kann unterschiedlich aussehen: Zeigt Zivilcourage! Versucht nicht, für die betroffene Person zu sprechen, sondern unterstützt ihre Position. Macht deutlich, dass die Handlung des Täters nicht in Ordnung ist. Das gilt insbesondere für cis-Männer untereinander – Ihr seid mitverantwortlich, wenn Eure Freunde und Bekannten übergriffig werden!

Um sexualisierter Gewalt sinnvoll entgegenzuwirken braucht es die Unterstützung aller. Nicht nur bei konkreten Übergriffen, sondern auch im Sprechen darüber und auf dieser Demo!

Feminismus ist für alle da!

Geschlechterrollen und Stereotype engen uns alle ein. Wir sind unterschiedlich betroffen, aber heute stehen wir zusammen! Lasst uns gemeinsam zeigen, dass eine bessere Gesellschaft möglich ist!

Auch wenn die #MeToo-Demo gelaufen ist, sollten ihre Grundgedanken nicht in der Vergangenheit verschwinden! Diese analytisch-abstrakte Ebene wird in Zukunft von uns ergänzt werden, um konkrete institutionelle und politische Veränderungen zu fordern!