Am kommenden Samstag, den 25. November 2017, ist „Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Wir wollen mit diesem Beitrag nicht nur zur Teilnahme an den Protesten aufrufen (15h @ Hermannplatz), sondern eine radikal-feministische Position äußern, die uns auf der Straße und in der Debatte um patriarchale Gewalt fehlt.

[**** einige Textstellen könnten triggernd sein: Darstellung sexualisierter Gewalt***]
[Die Autorinnen sind cis-weiblich, weiß und haben/streben eine akademischen Abschluss (an)]

“Dead men don’t rape – we will defend ourselves” fasst als Aussage eine radikale Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Männern*, sexualisierter Gewalt und der Rolle des Staates zusammen. 1992 veröffentlicht von der kanadische Punk Rock Band 7 Year Bitch ist „dead men don‘t rape“ einer von vielen Songs, in denen die Band ihre eigenen Lebensrealitäten als Frauen thematisieren. Nachdem die befreundete Gits-Frontsängerin Mia Zapata 1993 vergewaltigt und ermodert wurde, gründetet die Band zusammen mit anderen Frauen das Selbstverteidigungsnetzwerk „Home Alive“ (1) . Während die Geschichte von Frauen*-Punk-Rock-Bands sicherlich ihren eigenen Artikel wert ist, so steht der Spruch bis heute als exemplarisch für eine radikal-feministische Perspektive.

dead men don’t rape
Während manch eine*r in der Aussage „dead men don‘t rape“ (tote Männer vergewaltigen nicht) eine Provokation sieht, geht es in der Aussage zunächst einmal darum, cis-Männer (2) in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt zu stellen. Gewalt, egal in welcher Form (sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt, psychische Gewalt, Sexismus), dient als Mittel der Kontrolle und Unterdrückung. In ein patriarchalen Gesellschaft besteht zwischen der Ausübung von Gewalt – auch als patriarchale Gewalt bezeichnet (3) – und Männlichkeit somit ein Zusammenhang. Denn um eine patriarchale Gesellschaftsordnung zu gewährleisten, muss auf Mittel zurückgegriffen werden, um das Andere (nicht cis-männliche) zu unterdrücken. Dabei beruht diese Ordnung nicht allein auf dem männlichen Geschlecht und dem Anderen, sondern bedient sich der Heteronormativität (4) um die Geschlechter in Bezug zueinander zu definieren und Abhängigkeit herzustellen. Zweck von patriarchaler Gewalt kann daher sowohl sein, Verhaltensweisen, welche diese Ordnung gefährden, zu sanktionieren bzw. zu unterbinden, oder aber Verhaltensweisen, welche diese Ordnung aufrechterhalten, zu befürworten bzw. zu erzwingen. Zusätzlich wirken auch Klassismus und Rassismus als gesellschaftliche Strukturen darauf ein, wie Menschen patriarchale Gewalt erfahren und wie befähigt sie sind sich davor zu schützen. Insgesamt aber verfolgt patriarchale Gewalt das Ziel, die eigene patriarchale Machtposition/ Struktur (wieder) herzustellen. Gewalt ist nach dieser Analyse also nicht einfach ein Symptom oder ein Auswuchs des Systems, sondern macht das hetero-patriarchale System überhaupt erst möglich (5). Patriarchale Gewalt ist strukturell angelegt – sie hält das System zusammen – und in ihren verschiedensten Formen innerhalb der cis-männlichen Geschlechterrolle verankert.
Berechtigte Kritik an essentialistischen Positionen weißt darauf hin, dass Männlichkeit nicht mit Männern* gleichzusetzen ist. Trotzdem zeigen im Bereich der sexualisierten Gewalt die Zahlen zu Täterschaft auf, dass diese zu 80% von cis-Männern verübt wird , Männer* demnach weiterhin Hauptträger von Männlichkeit sind. Somit zielt die Aussage „Dead men don‘t rape“ darauf ab, deutlich zu machen, dass sexualisierte Gewalt nicht unabhängig von cis-Männern (6) zu denken ist. Auch wenn der Spruch kein Plädoyer für eine Welt ohne cis-Männer ist, so trägt er zumindest die radikale Position in sich, dass eine Welt ohne patriarchale Gewalt nur ohne Männlichkeit geht.

Zur #metoo-Debatte
Dabei widerspricht diese Analyse Standpunkten wie dem von Barbara Kuchler (7) innerhalb der aktuellen #metoo-Debatte. Kuchler verlautet (richtigerweise), dass „radikal sein heißt, ein Problem bei der Wurzel zu packen”, welches für sie allerdings darin bestehe, dass „Frauen schon auf dieser tieferen Ebene dazu ansetzen, aus dem asymmetrischen Regime des Gutaussehenmüssens auszubrechen“. Sie schlussfolgert in Bezug auf den „#MeToo-Diskurs, [er müsse] „zu einem #OhneMich-Diskurs weiterentwickelt werden“. Während es begrüßenswert ist, dass Kuchler die Debatte auf eine strukturelle Analyse über Geschlechterverhältnisse hebt, so verortet sie die Ursache für Gewalt doch tatsächlich auf Seiten der Frauen – bleibt dabei also in einem binären Geschlechtsverständnis gefangen, welches dann auch noch Betroffene verantwortlich macht für ihre Erfahrungen. Als Orientierungspunkt auf dem Weg in die #Ohnemich-„Freiheit“ empfiehlt Kuchler allen (cis-)Frauen, die unter sexualisierter Gewalt leiden, ausgerechnet die Täter. Die Botschaft müsse lauten: „Ich tue nicht mehr für mein Aussehen als der durchschnittliche Mann, und ich stelle meinen Körper nicht stärker zur Schau als der durchschnittliche Mann.“ Eine solche Ausrichtung an „Männlichkeits“-Normen drängt Frauen* zurück in Zeiten von Zetkin und negiert alles, was im Sinne von queeren, Trans- und Inter-Identitäten in den vergangenen Jahren erkämpft wurde. Sie nimmt cis-Männern ebenso wie allen anderen Menschen die Möglichkeit, die Norm des „durchschnittlichen Manns“ zu dekonstruieren und durch freie Geschlechtsvorstellungen zu ersetzen.
Indessen sollte eine radikale Perspektive auf die #metoo-Debatte unterstreichen, dass egal wie viel Frauen* sich abschminken, dass Problem eben auf Seite der cis-Männer liegt. Dieses Dilemma, welches strukturelle Analysen darstellen, lässt sich selbst mit Selbstverteidigungsgruppen nicht aus der Welt schaffen. Während diese zur eigenen Sicherheit beitragen, bietet auch Selbstverteidigung keinen 100%igen Schutz vor Gewalt.

We will defend ourselves
Auch wenn die Organisation in Selbstverteidigungsgruppen keine Sicherheit vor Gewalt bietet, so geht es in der Aussage „we will defend ourselves“ (wir werden uns verteidigen) nicht allein um das Vorhaben, sich selbst zu schützen, sondern um die Notwendigkeit, sich selbst zu schützen – weil ‚der Staat‘ es eben nicht tut.
Allein die Geschichte des deutschen Sexualstrafrechts zeugt davon – wurde beispielsweise Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 zur Straftat, hat es tatsächlich bis 2017 gedauert, um den Grundsatz „Nein heißt Nein“ im deutschem Recht zu verankern. Demnach lässt sich argumentieren, dass der Staat nicht allein Konstrukt einer hetero-patriarchalen Gesellschaft ist, sondern diese aus reproduziert (8). Immer wieder berichten Betroffene von ihren traumatisierenden Erfahrungen mit staatlichen Behörden im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Aber auch hierbei greift es zu kurz, zu sagen, der Staat „vernachlässige“ das Interesse von Betroffenen: Staatliche Behörden bieten Betroffenen nicht nur keinen Schutz, sondern schützen gleichzeitig Täter*innen. Dass daran auch die jüngste Veränderung des Sexualstrafrechts nichts ändert, zeigt die Verurteilung von Gina-Lisa Lohfink. Laut Richterin Antje Ebner lässt sich bei dem von Gina-Lisa geäußerten „Hör auf!“ im Beweisvideo nicht eindeutig zuordnen, worauf dieses sich beziehe – ‚auf den einen Mann, der sie gerade penetrierte, auf den anderen, der gerade versuchte, ihr seinen Penis in den Mund zu schieben, oder auf die filmenden Handys‘ (9) .
Eine Kritik am Staat soll nicht heißen, dass Betroffene nicht auch weiterhin Anzeige stellen und auf staatliche Behörden zurückgreifen sollten – diese Entscheidung ist allein den Betroffenen überlassen. Auch ist „der Staat“ kein monolithisches Konstrukt. Frauen*Häuser oder Beratungsstellen werden durch staatliche Mittel finanziert, womit ‚dem Staat‘ keine eindeutige Rolle in der Debatte um Schutz und Selbstschutz vor (sexualisierter) Gewalt einzuräumen ist. „We will defend ourselves“ steht aber nicht allein für die Einsicht, dass der Staat aus einer patriarchalen Gesellschaft heraus entstanden ist und diese reproduziert. „Wir werden uns schützen“ steht dafür, dass Personen diesen Zustand nicht länger hinnehmen und deswegen gemeinsam den Schritt gehen, sich zu organisieren und zu wehren – ohne Rücksicht auf Täter*innen zu nehmen. Feministische* Bewegungen können auf eine Geschichte an Selbst-Organisation zurückblicken, in der Selbstverteidigung immer eine Form des Widerstands war. Teil dieser sind nicht nur die Gründung von Frauen*häusern, Selbstverteidigungsgruppen („Frauen*patrouillen“) und Angriffe auf Vergewaltiger, sondern auch Angriffe auf die als sexistische empfundenen staatliche Institutionen. Ein Beispiel aus der deutschen Geschichte ist der am 4.März 1975 verübte Anschlag auf das Besucherzentrum das Bundesverfassungsgericht durch die Frauen der Revolutionären Zellen (später Rote Zora) im Zuge eines Urteils welches die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen wiederholt bestätigte (10).

Für eine radikale Perspektive
Insgesamt bleibt eine radikale Perspektive wie diese, auf die die Aussage ‚dead men don‘t rape – we will defend ourselves‘ abzielt, heute noch genauso relevant wie sie es 1992 war. Uns aber fehlt sie auf der Straße neben einem sehr sichtbaren Pop-Feminismus, welcher auch in linksradikalen Spektren populär erscheint. Während dieser sicherlich (auch für die eigenen Genossen*) anschlussfähiger ist, so führt eine strategische Ausrichtung auf Pop-Feminismus dazu, dass dieser der einzig sichtbare bleibt. Pop-Feminismus wirkt, über bestimmte (Kultur-)Güter die von und für FLTI*-Personen geschaffen werden, für einige sicherlich empowerned. Er bietet die Möglichkeit einer (vermeintlich) selbstbestimmten Repräsentation und lässt Menschen so zum Subjekt ihres eigenen Lebens werden. Empowerment, vor allem für marginalisierte Communities, ist ungefragt wichtig und richtig. Gleichzeitig, wie bell hooks es in Bezug auf Beyoncé‘s Album Lemonade artikuliert, ist Pop-Feminismus „the business of capitalist money making at its best“ (der Inbegriff kapitalistischer Geldmacherei) (11) . Seine Vereinbarkeit mit Kapitalismus macht Pop-Feminismus unfähig diesen zu kritisieren – was aus radikal-feministischer Perspektive bedeutet, dass Pop-Feminismus unfähig bleibt, alle Unterdrückungsformen dieses Systems anzugreifen. Genau diese Kritik am Kapitalismus sollte aber Voraussetzung sein, wenn das Ziel einer feministischen Agenda nicht allein der eigene soziale Aufstieg, sondern die Befreiung aller ist. Wir bleiben dabei: „dead men don‘t rape, we will defend ourselves“ – für einen radikalen Feminismus, gegen das Hetero-Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus und Staat!

 

Fußnoten:

(1) http://thesparkmag.com/artists/7-year-bitch/

(2) Cis bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, welches ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde

(3) Maria Mies benutzt z.B. den Ausdruck “patriarchale Gewalt” in ihrem Werk Patriarchat und Kapital (1989)

(4) Heteronormativität meint, dass die gesellschaftlich konstruierte Geschlechtereinteilung nicht nur binär ist, sondern sich die Geschlechter auch heterosexuell aufeinander beziehen.

(5)

Maria Mies „Patriarchat und Kapital” als auch Silvia Federicis „Caliban und die Hexe” theoretisieren die Wichtigkeit von patriarchaler Gewalt für die Re/produktion des „patriarchal-kapitalistischen System“ anhand des Beispiels der Hexenverfolgung im Mittelalter und aktuelleren Beispielen wie Femiziden

(6) http://www.zartbitter.de/gegen_sexuellen_missbrauch/Muetter_Vaeter/2032_warum_sexueller_missbrauch_durch_maenner.php

(7) http://www.zeit.de/kultur/2017-11/sexismus-metoo-sexuelle-uebergriffe-aussehen/komplettansicht

(8) Hierzu schreibt zum Beispiel: Birgit Sauer (2004) “Staat-Institutionen-Governance”.

(9) http://www.n-tv.de/politik/Weil-sie-Gina-Lisa-Lohfink-ist-article17919966.html

(10) https://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Stadtguerilla+RAF/rz/fruechte_des_zorns/zorn_1_11.html

(11) http://www.bellhooksinstitute.com/blog/2016/5/9/moving-beyond-pain