Wir sind ein breites queer-feministisches Bündnis aus Gruppen und Einzelpersonen verschiedenster politischer Spektren. Was uns eint ist, dass wir Queer-Feminismus und anti-patriarchale Kämpfe als Notwendigkeit für eine befreite Gesellschaft ansehen.

Wenn sich im Juli die Vertreter*innen der G20-Staaten in Hamburg treffen geht es unserer Meinung nach nicht darum wirkliche Veränderungen an den bestehenden Macht- und Wirtschaftsverhältnissen auf der Welt zu erarbeiten, sondern um die Aufrechterhaltung und den Ausbau der bestehenden Machtverhältnisse auf der Welt.

Die teilnehmenden Vertreter*innen der G20-Staaten repräsentieren uns nicht und stehen für ein System der Herrschaft und Unterdrückung, welches wir als queer-feministisches Bündnis emanzipatorisch und gemeinsam bekämpfen wollen und werden.

Unser Protest ist ein Queer-feministischer, um das sichtbar zu machen, was versucht wird zu unterdrücken und zu verschleiern. Wir wehren uns gegen eine Zweigeschlechterlogik, die  Menschen in nur zwei Kategorien und damit auch in zwei Verwertungsrollen zwingt.

Wir sind unterschiedlich. Das ist gut. Das wollen wir. Wir sind FrauenLesbenTransInter*- Personen (FLTI*) und wir werden gemeinsam, autonom, emanzipatorisch und queer gegen den G20 Gipfel protestieren!

G20 – Was soll der Scheiß?

Am 7. und 8. Juli 2017 treffen sich in Hamburg die Vertreter*innen der zwanzig führenden Industrie- und Schwellenländer zum G20 Gipfel. Dabei ist die BRD Gastgeberland und möchte eine Globalisierung zum angeblichen Nutzen aller gestalten. Konkret auf der Agenda steht die Förderung von Frauen. Dies suggeriert, dass der G20 Gipfel geschlechterspezifische Unterdrückungsverhältnisse beseitigen wolle. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die mehrheitlich männlichen Repräsentant*innen der G20-Staaten sind nicht daran interessiert, eine tatsächliche Gleichstellung aller Geschlechter zu erreichen. Vielmehr versuchen sie, mit dem Thema „Frauenförderung“ die Arbeitskraft von Frauen* im kapitalistisches System noch effektiver auszubeuten und dies als angeblichen Schritt in Richtung Freiheit zu verkaufen. Eine Vielfalt von Geschlechtern wird dabei negiert.

Patriarchat als durchgängiges Herrschaftssystem – Binäres Geschlechtersystem als Norm

In unserer Gesellschaft sind genau zwei Geschlechter anerkannt und eine Zuteilung zu entweder „Mann“ oder „Frau“ wird gleich nach der Geburt verlangt. Diese zwanghafte Zuordnung wird dabei allen Menschen übergestülpt und repräsentiert viele Menschen gar nicht. Menschen, die sich nicht in diese binären Ordnung einsortieren, erfahren gesellschaftliche Diskriminierung, die allumfassend und auf mehreren Ebenen spürbar ist. FLTI*-Personen sind strukturell schlechter gestellt als cis-Männer und haben immer ein höheres Risiko Gewalt ausgesetzt zu sein. Die Ausübung von Gewalt gegen FLTI* ist dabei ein durchgängiges Herrschaftsprinzip, das sich überall auf der Welt manifestiert. Diese Gewalt ist dabei sehr vielschichtig.

So werden an Intersex-Kindern, die bei ihrer Geburt kein eindeutiges „männliches“ oder „weibliches“ Geschlechtsorgan haben,  – auch in der BRD – gewaltvolle und häufig traumatisierende Genitaloperationen durchgeführt, um eins der nur 2 akzeptierten Geschlechter in die Geburtsurkunde eintragen zu können. Eine Änderung dieses Eintrags wird den Betroffenen sehr schwer gemacht und  ist nur nach sehr langwierigen und erniedrigenden Verfahren möglich.

Der Zwang sich einem der beiden offiziell anerkannten Geschlechtern zuordnen zu müssen, produziert gewaltvolle Verhältnisse für alle, die dies nicht können oder wollen. Transmenschen sind hierbei besonders alltäglicher Gewalt ausgesetzt, wobei vor allem feminin auftretende Transmenschen Gewalt erleben, die nicht selten sogar tödlich endet.

Nicht nur die Geschlechtsidentität, sondern auch unsere Sexualität ist an gesellschaftliche Normen gebunden. Als normal gilt, wenn ein Mann und eine Frau sich lieben. Homosexualität wird als Abweichung verstanden und gilt als unnormal. Wir finden, dass es viele Formen der Liebe, des Begehrens und der Sexualität gibt und kämpfen dafür, dass diese gleichberechtigt nebeneinander stehen können.

Patriarchat und Kapitalismus

Die Einteilung in das binäre Geschlechtersystem sorgt für die Aufrechterhaltung der bestehenden, kapitalistischen Verhältnisse. Die darin herrschende Trennung in Produktions- und Reproduktionssphäre (Erwerbsarbeit und unentgeltliche Pflege- und Hausarbeit) hängt eng mit dem binären Geschlechtersystem zusammen.

Frauen wird die unbezahlte Reproduktionsarbeit zugewiesen, welche gesellschaftlich weniger anerkannt ist. Hierbei werden Eigenschaften, die der Reproduktionsarbeit zugeschrieben werden, als typisch weiblich verstanden. Die Frau soll deswegen selbstlos, umsorgend, emotional und empathisch sein. Ein Rollenbild wird konstruiert, das uns von klein auf beigebracht wird – Abweichungen von diesen Rollenbilder werden als unnormal angesehen. Da die Reproduktionsarbeit klassischerweise meist immer noch von Frauen ausgeübt wird, unterliegen sie einer Doppelbelastung, da sie neben den „häuslichen Pflichten“ auch noch einer Lohnarbeit nachgehen. Bei gleicher Arbeit verdienen Frauen erheblich weniger als Männer (laut ILO international 4-36% weniger). Zudem arbeiten sie oft in informellen oder unsicheren Arbeitsverhältnissen.

Dem Mann hingegen wird im Kapitalismus die Produktionssphäre zugewiesen. Dort werden Eigenschaften wie Stärke, Leistungsfähigkeit, Rationalität oder Durchhaltevermögen verlangt. Wie die Reproduktion auf die Produktion ausgerichtet ist, soll auch die Frau für den Mann da sein. Ihr wird die Rolle zugeteilt sich um den Mann zu kümmern und nach der Arbeit für ihn da zu sein. Dabei wird die Frau zum Objekt/Eigentum des Mannes, was Grundlage des alltäglichen Sexismus ist. Es wird propagiert, dass Frauen Männern jederzeit zur Verfügung stehen sollen – diese Objektivierung zeigt sich im Alltag in Handlungen wie Angrapschen, Hinterherpfeifen und anderen Formen sexualisierter Gewalt.

Vielschichtige Diskriminierung von FrauenLesbenTransInter*-Personen

Kapitalismus und Patriarchat hängen zusammen. Jedoch ist es falsch anzunehmen, dass mit der Überwindung des Kapitalismus automatisch das Patriarchat verschwinden würde. Die globalen Verhältnisse sind geprägt durch verschiedene Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse. Dabei stehen diese nicht nur nebeneinander, sondern bedingen und verstärken sich gegenseitig. Deswegen sind nicht alle FLTI*s in gleicher Weise von Diskriminierung betroffen. Migrant*innen und People of Color sind hierbei anderen Sexismen ausgesetzt. Neben der Konfrontation mit Sexismus und Rassismus, entstehen weitere Formen der Diskriminierung, so zum Beispiel, wenn Körper exotisiert und somit objektiviert werden. Auch geflüchtete FLTI* erleben spezifische Diskriminierung. So werden in der BRD geschlechtsspezifische Fluchtursachen faktisch nicht als Asylgrund anerkannt.

Weltweite Unterdrückungsverhältnisse gegen FLTI*

Die Unterdrückungsmechanismen wirken dabei nicht nur vielschichtig, sondern auch global. Angriffe auf die Selbstbestimmung von FLTI* finden weltweit Ausdruck in einem erstarkender Antifeminismus und rechten Bewegungen.

Mit der Ernennung Trumps zum Präsidenten der USA ist ein frauen*verachtender Sexist an die Macht gekommen, der neben Rassismus auch einen Antifeminismus propagiert. Als eine der ersten Amtshandlungen strich er Gelder für Organisationen, die im Ausland zu Schwangerschaftsabbrüchen beraten.

In der Türkei versucht Erdogan ein konservativ-religiöses Frauenbild durchzusetzen. Jede Frau habe seiner Meinung nach mindestens drei Kinder zu gebären – ungeachtet der ökonomischen oder privaten Situation. Hochrangige Politiker äußern sich negativ darüber, dass Frauen in der Öffentlichkeit laut lachen, und im Staatsfernsehen TRT ist zu hören, dass schwangere Bäuche in der Öffentlichkeit nichts verloren hätten.

In Russland wurde Anfang des Jahres ein Gesetz verabschiedet, das künftig häusliche Gewalt nur dann strafbar macht, wenn die Gewalt einen Krankenhausaufenthalt zu Folge hat, oder es mehrmals im Jahr zur Gewalt kommt. Einmal pro Jahr Frau oder Kind zu schlagen, wurde lediglich zu einer Ordnungswidrigkeit herabgesetzt.

Nicht nur in Staaten der G20 werden FLTI*s strukturell unterdrückt. In Lateinamerika stirbt durchschnittlich alle 31 Stunden eine Frau an den Folgen patriarchaler Gewalt durch Männer. Die Morde an Frauen, die als Feminizide bezeichnet werden, sind ein gesamtgesellschaftliches Problem in vielen Staaten Lateinamerikas. Besondere Erwähnung müssen hierbei die Morde an Transfrauen finden, die in Lateinamerika – aber auch weltweit – aus Transmisogynie (Transfeindlichkeit und Misogynie) verübt werden. Auch in Argentinien, welches Mitgliedsstaat der G20 ist, sind diese geschlechtsspezifischen Morde traurige Realität.

Der Blick nach Europa zeigt, dass mit dem stattfindenden Rechtsruck sich ein neuer Antifeminismus und Sexismus formiert. Ob mit dem Front National in Frankreich, der AfD in Deutschland oder der Partei PiS in Polen –  überall sind konservative, rassistische und sexistische Kräfte auf dem Vormarsch. Der aufkommende Rechtspopulismus versteckt unter dem Deckmantel eines paternalistischen Schutzes von Frauen* eine rassistische Hetze, nach der es gilt „einheimische Frauen“ vor „ausländischen Männern“ zu schützen. Diese Argumentation ist gefährlich und suggeriert, dass Sexismus ein Problem „der Anderen“ wäre. Davon auszugehen, dass sexualisierte Gewalt von „Fremden“ ausgeht, verschleiert, dass Sexismus ein grundlegendes Problem ist, dass weltweit in jeder Gesellschaft existiert. Die Täter kommen dabei fast immer aus dem näheren, sozialen Umfeld. Vor allem in Beziehungen wird sexualisierte Gewalt oft nicht anerkannt, da sexuelle Verfügbarkeit als ein Grundrecht innerhalb einer Beziehung gilt. Doch in den meisten Fällen, wird sexualisierte oder häusliche Gewalt vom eigenen Partner ausgeübt. Darüber hinaus wird Sexismus in der Öffentlichkeit stabilisiert, durch Darstellungen in Werbung, Filmen, Pornographie sowie Aussagen und Handlunge im alltäglichen Leben.

Queer-Feminismus heißt für uns: ein gutes Leben für alle erkämpfen!

Was all diese Fälle gemeinsam haben ist, dass sie dem patriarchalen Weltbild entspringen. Diese ordnet FLTI* unter die cis-männliche Norm und ermöglicht Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung. Für uns ist klar: wenn wir uns aus diesen gewalttätigen Zuständen befreien wollen, müssen wir uns organisieren.

Deswegen wollen wir queer-feministischen Protest auf die Straße tragen um einerseits auf  (cis)-Sexismus und Antifeminismus aufmerksam zumachen und andererseits zu verdeutlichen das eine andere Gesellschaft möglich ist. Wir wollen eine tatsächlich geschlechterbefreite Gesellschaft, in der eine gerechte Verteilung der Güter, Respekt für alle Lebewesen und der Natur und ein solidarischer Umgang miteinander selbstverständlich sind. Das Patriarchat stellt für uns dabei einen Zustand dar, der nicht hinnehmbar ist und den es zu bekämpfen und zu überwinden gilt.

Kämpfe verbinden

Wir wollen die genannten Herrschaftsverhältnisse nicht getrennt voneinander bekämpfen. Denn unser Queer-Feminismus ist kein Teilbereichskampf, sondern stellt sich solidarischer gegen die bestehenden Verhältnisse. Wir lehnen einen neoliberal vereinnahmten Feminismus, der lediglich „mehr Frauen in Vorstandspositionen“ bringen will, als verkürzt ab. Für uns ist der Kampf gegen Sexismus nicht zu trennen vom Kampf gegen das kapitalistische System! Denn das Patriarchat ist ein allumfassendes Herrschaftsprinzip, in dem FLTI* auf verschiedene Weise Gewalt erfahren. Es ist daher unmöglich, für eine befreite Gesellschaft zu kämpfen und nicht aktiv gegen das Patriarchat zu sein.

Dabei wollen wir Queer-Feminismus auch weltweit verstehen und an bestehende Kämpfe anknüpfen. Die Proteste letztes Jahr in Argentinien, bei denen 70.000 Menschen auf die Straße gegangen sind, um auf die gewaltsamen Feminizide aufmerksam zu machen. Die Demonstrationen von Zehntausenden Menschen in Polen, die erfolgreich gegen das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen protestierten. Die Proteste, die in vielen Städten der USA gegen die antifeministische Politik von Trump und seiner Anhänger*innen stattgefunden haben oder der Widerstand der kurdischen Kämpfer*innen, die seit Jahren gegen die patriarchalen Strukturen ankämpfen und einen eigenen feministischen Gesellschaftsentwurf aufgebaut haben, sind Beispiele, die uns ermutigen, uns auch hier in der BRD gemeinsam zu organisieren und gegen das Patriarchat zu kämpfen.

Queer-feministischer Widerstand gegen den G20-Gipfel

Von den Vertreter*innen der G20-Staaten haben wir nichts zu erwarten. Was auf dem G20-Gipfel besprochen wird, dient keinesfalls dazu die gewaltvollen Verhältnisse zu beseitigen, auch wenn das Thema „Frauenförderung“ scheinheilig besprochen wird. Den Vertreter*innen der G20-Staaten geht es lediglich darum, FLTI* noch besser der Logik des Kapitals unterzuordnen. Sie sind nicht daran interessiert die geschlechtsspezifischen Unterdrückungsformen zu beseitigen.

Unser Protest und unser Widerstand an den Tagen des G20 ist ein wichtiger Teil unserer alltäglichen Kämpfe. Jedoch wissen wir auch, dass das G20-Treffen an sich nicht das Problem darstellt, sondern die Verhältnisse, die von den Repräsentant*innen der G20-Staaten verkörpert und tagtäglich aufrecht erhalten werden. Doch die Machtdemonstration rund um den G20 ist ein Symbol dieser Verhältnisse. Daher finden wir es wichtig laute, sichtbare queer-feministische Proteste gegen den Gipfel zu organisieren und andere zu ermutigen, dies auch zu tun. Wir hoffen, dass entstandene Organisierungen auch nach dem Treffen der G20 weiterbestehen und nicht abebben. Denn wir wissen, dass nur eine Selbstorganisierung abseits von staatlicher Kontrolle die Möglichkeit bietet, eine alternative Gesellschaft ohne Sexismus und andere Unterdrückungen ermöglicht.

Deswegen: Lasst uns gemeinsam die Straße nehmen!

Wir wünschen uns verschiedene und vielfältige queer-feministische Aktionen rund um den G20 Gipfel in Hamburg. Dabei lassen wir uns nicht in vermeintlich „gute“ und „schlechte“ Demonstrant*innen teilen, sondern wünschen uns Proteste auf verschiedenen Ebenen. Lasst uns zusammen kommen und eigene Perspektiven und Protestformen entwickeln.

FLTI*s wird oft abgesprochen politisch zu sein. Wenn wir laut werden und uns wehren, wird uns gesagt, wir seien hysterisch. Wir haben keinen Bock mehr darauf, all diese Zustände hinzunehmen, die uns klein und leise machen sollen. Wir werden nicht höflich und zurückhaltend sein, wenn irgendwelche Politiker*innen meinen, sie würden angeblich unsere Interessen vertreten und über unsere Köpfe entscheiden. Wir werden uns die Straße nehmen und zeigen, was wir von dieser Politik halten! Deswegen rufen wir alle FLTI* auf sich den Protesten gegen den G20-Gipfel anzuschließen und sich auch darüber hinaus zu organisieren, um für ein schönes Leben für alle zu kämpfen.

Gegen all die Zustände, die uns klein und leise machen (sollen)!

Lasst uns die befreite Gesellschaft für alle erkämpfen!

Weitere Infos auf: fmnsm.blackblogs.org