„Gleicher Lohn“für gleiche Arbeit heißt es wie jedes Jahr auch dieses Mal, wenn am 18. März der Equal Pay Day begangen wird. Die Wahl des Datums ist dabei durchaus symbolisch, denn sie markiert den Tag im neuen Jahr, bis zu dem Frauen, im Vergleich zu ihren männlichen Arbeitskollegen „umsonst“ arbeiten. 21% lautet die gefühlt seit Jahren stagnierende Zahl, die die Entgeltdifferenz zwischen Männern und Frauen in Deutschland erfasst. Von diesen sind „nur“ – und das ist immer noch erschreckend – 7% offene Diskriminierung; die restlichen 14% setzen sich aus strukturellen Faktoren zusammen, wie z.B. der Tatsache, dass Frauen deutlich öfter in Teilzeit, sogenannter geringfügiger Beschäftigung oder schlicht schlechter bezahlten Berufen arbeiten.

Enstanden ist der Equal Pay Day in den USA. 1988 sollte als erste Aktion die Red Purse Campaign Aufmerksamkeit für das Thema schaffen. Dahinter standen die Business and Professional Women (BPW), ein Netzwerk, dessen deutscher Ableger erst die Aktion und schließlich den ganzen Aktionstag nach Deutschland holte.Zum ersten Mal begangen wurde der Equal Pay Day dann 2008 und seit 2009 gibt es ein nationales Aktionsbündnis, dem neben dem BPW, die Bundesarbeitsgemeinschaftder kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsstellen (BAG), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der DeutschenFrauenrat (DF) und der Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) angehören. Unterstützt wird das ganze vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Aktionsbündnis hat seit seiner Formation große Aufmerksamkeitfür sein Anliegen erlangen können und der Equal Pay Day gehört wohl zu den am breitesten rezipierten frauenpolitischen Terminen im Jahr.

Wie der Equal Pay Day Unterschiede zwischen Frauen unsichtbar macht

So wünschenswert es ist, dass auf die ökonomischen Ungleichheiten zwischen Frauen* und Männern hingewiesen wird, so irritierend finden wir es, auf welche Art undWeise das im Rahmen des Equal Pay Gap regelmäßig geschieht. Während die Zahlen eine einheitliche Gruppe Frau und eine einheitliche Gruppe Mann vorgeben, laufen sie Gefahr, die Unterschiede zwischen Frauen* zu verschleiern. Denn auch, wenn es so scheinen mag, von den 21 % Entgeltunterschied sind keineswegs alle Frauen* in gleicher Weise betroffen. Es gibt erheblichen Differenzen zwischenden Löhnen von weißen Mittelklasse – cis-Frauen und Schwarzen Frauen*, Women* of Colour, Frauen* in prekarisierten Beschäftigungsverhältnissen und trans-Frauen. Viele Frauen* müssen auf dem Arbeitsmarkt gleichzeitig gegen verschiedene Diskriminierungsformen ankommen. Und dann gibt es Frauen*, die noch nicht einmal in den Statistiken auftauchen, wie zum Beispiel inoffiziell arbeitende Sexarbeiterinnen* oder Frauen* in der häuslichen 24h-Pflege. Gerade in diesen Sektoren arbeiten aber Frauen*, die von Rassismus und unsicherem Aufenthaltsstatusbetroffen sind. Ein Tag, der auf die ökonomische Schlechterstellung von Frauen* hinweisen will, soll und darf weder von dieser Arbeit noch von den dahinterstehenden Machtverhältnissen schweigen.

Damit es für ein selbstbestimmtes Leben reicht

Denn was eigentlich meinen wir, wenn wir am Equal Pay Day gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordern? Meinen wir nur die sieben Prozent offene Diskriminierung? Oder auch die anderen 14 Prozent? Und was ist mit den Frauen*, die zuhause dafür Sorgen, dass es allen gut geht, alle jeden Tag wieder arbeiten gehen können. Es sind immer noch größtenteils Frauen*, die sich um Kinder, Familie, Ältere Menschen, Essen, Haushalt und und und und kümmern. Auch das ist Arbeit und kein bloße Liebe! All das als Teil der Diskriminierung zu sehen, bedeutet wir fordern dieAbschaffung eines wirtschaftlichen Systems, dass die in der weiblichen Verantwortung liegende Sorgearbeit strukturell entwertet und auf diese Entwertung sogar angewiesen ist.Und wenn wir das meinen, warum sagen wir das eigentlich nicht gleich?

Was wie öde Zahlen klingt ist in unserem kapitalistischen System in Wahrheit oft entscheidend für die Sicherung der eigenen Existenz. Ausreichend finanzielle Ressourcen sind darin der entscheidende Faktor, ob Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können – oder nicht. Als Vertreterinnen eines Feminismus, derfür ein selbstbestimmtes Leben für alle kämpft, können wir uns deshalb nicht damit zufriedengeben, dass der Equal Pay Day in seiner öffentlichen Rezeption als ein elitenfeministisches Projekt für etwas mehr Lohn hängen bleibt. Die schlechtere Bezahlung von Frauen* ist nicht mit einem Gesetz zur Offenlegungvon Gehältern getan und die Lösung kann auch nicht sein, zu suggerieren Frauen* müssten nur andere Entscheidungen treffen und andere Berufe wählen, umaus dem Gender Pay Gap herauszukommen.

Weil strukturelle Veränderung eine Notwendigkeit ist

Für den Gender Pay Gap gibt es strukturelle Ursachen und die haben mit dem Patriarchat, Rassismus und dem Kapitalismus zu tun. Zu diesen zählen ungleiche Rollenvorstellung, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit, sowie die Abwertung weiblich* konnotierter Tätigkeiten und Berufen. Wir wollen auch nicht “arbeiten wie ein Mann” und unsere Emanzipation auf den Rücken von prekarisierten Frauen* austragen, die dann für uns die Haushalts-und Sorgearbeit übernehmen. Wenn Studien darauf hinweisen, dass Berufe die maßgeblichvon Frauen* ausgeübt werden, abgewertet und schlechter bezahlt werden, kann dasRezept auch nicht sein, alle Mädchen und junge Frauen* dazu zu drängen in die Naturwissenschaften zu gehen. Wirkliche Lösungen können nur grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft bringen: Veränderungen von Geschlechterrollen, Anerkennungvon Mehrfachdiskriminierungen und eine Ökonomie, die all dies möglichmacht, anstatt auf die Ausbeutung bestimmter Menschen angewiesen zu sein.